Die USA nach der TV-Debatte: Eine Demokratie in der Krise

MIKE SCHIER
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MIKE SCHIER

Es gab eine Zeit, da stand man nachts auf, um gebannt die TV-Duelle im US-Wahlkampf zu verfolgen.

Es wurde debattiert und gestritten, man bewertete Rhetorik und Ausstrahlung – und am Ende versuchten beide Lager wortreich, ihren Kandidaten zum Sieger zu erklären. Mit anderen Worten: Die Debatten waren in erster Linie Spektakel, schon immer, aber auch ein veritabler Gradmesser, wer sich als Anführer der westlichen Welt eignete.

Die erste Debatte 2020 hatte – es stand leider zu erwarten – nichts mehr mit früheren Veranstaltungen gemein. Die beiden Kandidaten, die füreinander nur Hass und Verachtung empfinden, machten sich gar nicht erst die Mühe, über Inhalte zu diskutieren. Vielleicht war das auch gar nicht nötig, denn so polarisiert wie das Land inzwischen ist, dürfte es den klassischen Wechselwähler kaum noch geben. In beiden Lagern geht es nur noch darum, die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Schon jetzt häufen sich Meldungen über bewusste Falschinformationen und Einschüchterungsversuche. Für ein Land, das einst die Demokratie in alle Welt exportieren wollte und beispielsweise in der jungen Bundesrepublik große Dienste leistete, ist der Zustand im Herbst 2020 ein Trauerspiel.

Das liegt vor allem, aber keineswegs nur an der Person Donald Trump, der weiter offen lässt, ob er eine Niederlage anerkennen würde. Auch Joe Biden vergaß in der Debatte zwischenzeitlich seine gute Kinderstube. Hinterher wollte es mancher Anhänger ernsthaft als Erfolg verkaufen, dass der 77-Jährige während der 90 Minuten keine senilen Aussetzer gezeigt habe – ein mehr als zweifelhaftes Lob für einen Präsidentschaftskandidaten. Die USA gehen einem historisch schwierigen Herbst entgegen.

Mike.Schier@ovb.net

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