Ein schwacher Wahlkampf

-
+
-

Biden nach der Wahl. MIKE SCHIER.

Eigentlich war das Feld bereitet: ein egomanischer Amtsinhaber mit einer farblosen, ständig wechselnden Ministerriege, dazu eine Pandemie mit 230 000 Toten und massiven Auswirkungen auf die Wirtschaft. Besser hätten die Vorzeichen für einen Herausforderer kaum sein können. Deshalb bleibt das Abschneiden des Demokraten Joe Biden enttäuschend – selbst wenn es nach Auszählung aller Stimmen doch noch zum mühsamen Sieg reichen sollte.

Es war von Anfang an grotesk: Die Demokraten setzten allein darauf, dass ihnen Trump die Wahl gewinnt. Doch den Gegenkandidaten darauf zu reduzieren, dass er nicht Trump ist, war einfach zu wenig. Biden hatte weder eine Agenda noch zukunftsfähige Themen. Wohin er das gespaltene Land eigentlich führen will, blieb unklar. Dazu kam ein müder Wahlkampf: Zu lange verkroch sich Biden aus Corona-Angst in den Keller seines Hauses in Delaware, während der Amtsinhaber nach seiner Genesung von Auftritt zu Auftritt jettete. Trump (74) wollte gewinnen – unbedingt. Biden (77) wirkte nur selten wie einer, der dieses mächtige Land kraftvoll führen kann.

Doch das Problem der Demokraten reicht viel tiefer: Die Partei ist zerrissen zwischen einer jungen, kämpferischen und immer lauter werdenden Linken in den Großstädten und der eher moderaten, älteren Basis am Land. Das trat zutage, als Biden bei der zweiten TV-Debatte, der Ölindustrie abschwor: Die ökologisch-urbane Jugend jubelte, die Arbeiter in Texas, Pennsylvania, Oklahoma und Ohio reagierten entsetzt. Die Kluft zwischen beiden Lagern wächst – und ist längst ein strukturelles Problem.

Mike.Schier@ovb.net

Kommentare