Meinung

Börsengang von Siemens Energy: Ein Nachlass mit Risiken

-
+
Sebastian Hölzle

Die alte Siemens AG ist Geschichte. Mit dem für Montag geplanten Börsengang von Siemens Energy hat Joe Kaeser kurz vor seinem Ruhestand den Konzern so umgebaut, dass er kaum mehr wiederzuerkennen ist.

Übrig geblieben vom Industriegiganten ist ein Kern-Siemens mit seiner Zug-, Infrastruktur- und Digitalsparte. An den beiden neu geschaffenen Firmen, Siemens Energy und Siemens Healthineers, ist der Konzern zwar nach wie vor beteiligt, der Einfluss ist aber dramatisch geschrumpft.

Genau das ist gewollt: Kaeser ist davon überzeugt, dass kleine Einheiten schneller auf Marktveränderungen reagieren können als ein Konzern mit zentraler Steuerung. Kleine wendige Schnellboote liefern bessere Ergebnisse als ein träger Supertanker, ist die Botschaft aus München. Siemens Energy startet aber in eine stürmische See: Die Trends heißen Öko- statt Kohlestrom und Wasserstoff statt Erdgas. Zudem drängt Konkurrenz aus Asien auf den Markt. Siemens Energy, bestehend aus der alten Kraftwerkssparte und dem Windanlagenbauer Gamesa, muss jetzt zeigen, dass es in der Eigenständigkeit profitabler ist.

Für die Beschäftigten birgt das Risiken: Bislang konnten sie sich darauf verlassen, einen Großkonzern im Rücken zu haben, der in Krisenzeiten nicht gleich die Geduld verliert. Selbst als Kaeser 2017 den Kahlschlag in der Kraftwerkssparte plante, gelang es den Gewerkschaften nach zähen Verhandlungen, die Folgen zu dämpfen. Solche Einigungen dürften bei Siemens Energy schwieriger werden. Dem Vorstand der neuen Aktiengesellschaft sitzen die großen Fonds und Vermögensverwalter im Nacken – und die hoffen auf üppige Gewinne.

Aus heutiger Sicht lässt sich nicht beurteilen, ob Kaesers Umbau ein historischer Fehler war – oder eine der besten Entscheidungen in der 173-jährigen Geschichte des Konzerns. Den Beweis, dass die Weichen richtig gestellt wurden, muss Kaesers Nachfolger Roland Busch liefern.

Sebastian.Hoelzle@ovb.net

Kommentare