Meinung

Corona in der Schweiz: Ein kleines bisschen Lockdown

-
+
-
  • Christian Deutschländer
    vonChristian Deutschländer
    schließen

Die Schweiz geht ins Lockdownli, eine eher niedliche Form des Herunterfahrens. Einige Skigebiete machen zu, in den übrigen soll man weniger Alkohol trinken, die Bordelle schließen jetzt doch, Läden und Schulen nicht, Friseure sollen um 19 Uhr zusperren. All das ist aus deutscher Sicht haarsträubend lasch und zu spät, aus Sicht vieler Schweizer aber eine spektakuläre Kurswende.

Über Monate hinweg wählte das kleine Land den Sonderweg, möglichst wenig an Freizeit und Wirtschaft einzuschränken. Es war eher eine Frage der Struktur als eine Strategie: Die liberale Mentalität der Schweizer wendet sich schroff gegen Grundrechtseingriffe wie in anderen europäischen Lockdowns.

Man fühlt sich seiner Unantastbarkeit sehr gewiss. Gleichzeitig ist das Regierungssystem auf Kompromiss ausgerichtet; in der siebenköpfigen Regierung (Bundesrat) sitzen die vier größten Parteien von weit rechts bis halblinks und gleichen ihre Interessen aus; in großer Ruhe und längeren Abläufen, mit viel Freiraum für Alleingänge der Kantone. Für eine Pandemie, die schnelle, harte Reaktionen verlangt, erwies sich das zumindest in der zweiten Welle als zu träge.

Der Preis dafür ist hoch: Die Infektions- und Todeszahlen sind pro Kopf doppelt so hoch wie in Deutschland, die Intensivstationen laufen voll. Hilferufe der Ärzte? Verhallt. Der Schweizer Weg wurde gern als sympathische Sonderlichkeit abgetan. In Zeiten hoher Mobilität ist er aber leider grenzüberschreitend ein enormes Risiko. Dieser halbherzige Lockdown senkt es kaum.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

Mehr zum Thema

Kommentare