Drohende Negativzinsen Die Finanzwelt steht Kopf SEBASTIAN HÖLZLE

Drohende Negativzinsen. Die Finanzwelt steht Kopf .

SEBASTIAN HÖLZLE

Wer Geld auf dem Konto liegen hat, dem drohen bald Strafzinsen. Banken und Sparkassen halten es inzwischen für wahrscheinlich, die Negativzinsen, die sie selbst bezahlen müssen, massenhaft an ihre Kunden weiterzugeben. Selbst Versicherungskonzerne denken darüber nach, Bargeld in Tresoren zu lagern anstatt es zu Minuszinsen anzulegen – die Finanzwelt steht Kopf. Wie konnte es so weit kommen?

Die Europäische Zentralbank (EZB) hätte in den vergangenen Jahren ausreichend Zeit gehabt, die Zinsen zaghaft anzuheben. Die Konjunktur im Euroraum steuerte allmählich auf eine Erholung zu, aber aus Rücksicht auf Länder mit hoher Schuldenlast hat es die EZB unterlassen, an der Zinsschraube zu drehen – und das rächt sich nun: Weil sich die Konjunktur allmählich wieder eintrübt, sieht sich die EZB jetzt zu neuen Zinsexperimenten gezwungen. Ausgang ungewiss.

Wer aber allein der EZB die Schuld für die Zinsmisere gibt, der macht es sich zu leicht: Versagt haben auch die Staats- und Regierungschef der Euro-Staaten. Die waren zuletzt mehr mit dem drohenden Brexit beschäftigt, anstatt den Euro-Raum so zu reformieren, dass Volkswirtschaften mit unterschiedlichem Tempo existieren können. Den Preis für diese Fehler zahlen nun ausgerechnet diejenigen Sparer, die ihr Geld nicht an der Börse verzocken wollten, sondern auf Sicherheit gesetzt haben.

Sebastian.Hoelzle@ovb.net

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