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Die zweite Corona-Welle: Disziplin lässt sich schwer verordnen

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 MIKE SCHIER.

Es war ein dramatischer Auftritt der Kanzlerin: Eindringlich bat Angela Merkel die Deutschen, ihre Kontakte zu reduzieren. Mehr noch: „Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause.“ Es sei „schwerer Verzicht“ nötig.

Die Naturwissenschaftlerin Merkel, die im Herbst ihrer politischen Karriere keinen wahltaktischen Überlegungen mehr unterliegt, lässt sich wohl nicht von Emotionen leiten. Sie dürfte die teils widersprüchlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse sorgfältig abgewogen haben. Aber als Kanzlerin trägt sie die Verantwortung für das Leben tausender Menschen in der Pandemie – und anders als ein Donald Trump erhebt sie dies zum zentralen Maßstab.

Freiwilligkeit bleibt der richtige Weg

Insgesamt sind die Deutschen mit ihrem Kurs gut gefahren, aller Kritik im Detail zum Trotz. In vielen Ländern Europas ist die Kontakt-Nachverfolgung kaum noch möglich, andere reagieren mit nächtlichen Ausgangssperren (Frankreich) und der Schließung von Restaurants (Belgien und Tschechien). Die Kanzlerin setzt primär auf Freiwilligkeit. Das bleibt der richtige Weg.

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Denn die Hardliner wie Markus Söder sollten gewarnt sein: Viele Deutsche sind Corona-müde, aus unterschiedlichsten Gründen. Sie erleiden Einnahmeausfälle, Jobs stehen auf der Kippe. Kinder kämpfen mit der Schule. Hinzu kommen ausgefallene Urlaube, gestrichene Familienfeiern, kaum Kultur- und Sportveranstaltungen, reduziertes Vereinsleben und jetzt auch noch Schmuddelwetter. Die Disziplin beim Kraftakt im Frühjahr war bemerkenswert, doch sie lässt sich nur bedingt verordnen. Das muss die Politik bei jeder Entscheidung bedenken.

Mike.Schier@ovb.net

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