Kommentar: Nicht nur in den USA - Wie viel Anstand müssen Demokraten wahren?

Links: Washington: Nancy Pelosi (r), demokratische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, zerreißt das Manuskript der Rede zur Nation von US-Präsident Donald Trump (vorne), nachdem dieser seine Ansprache gehalten hat. ++ Rechts: 5.02.2020, Thüringen, Erfurt: Die Fraktionsvorsitzenden Matthias Hey (SPD) und Dirk Adams (Bündnis 90/Die Grünen) gratulieren Thomas Kemmerich, Thüringens neu gewähltem Ministerpräsidenten (für einen Tag). Der Blumenstrauß, den Susanne Hennig-Wellsow, Linke-Fraktionschefin, ihm zuvor vor die Füsse geworfen hat, liegt am Boden. 
  • Mike Schier
    vonMike Schier
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Am Beispiel der trotzigen Reaktionen der US-Demokraten nach dem gescheiterten Amtsenthebungsverfahren von Donald Trump nimmt unser Autor Stellung zu Umgangsformen in der Politik. 

"Es war eine Szenerie, die in die US-Geschichte eingehen dürfte. Im Vordergrund ein selbstverliebt grinsender US-Präsident, der eben eine ganze Rede zur Lage der Nation sich selbst gewidmet hatte. Im Hintergrund eine Oppositionsführerin, die das Manuskript dieser Rede auf offener Bühne zerreißt. 

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Beides spiegelt den erschreckenden Zustand der US-Demokratie wider. Nach Kompromissen wird in Washington schon lange nicht mehr gesucht, man empfindet nur noch gegenseitige Verachtung.

Der Frust ist zu groß

Nach drei Jahren im Amt hat sich die Welt an die Ungeheuerlichkeiten der Trumpschen Amtsführung gewöhnt. Neu ist, dass nun auch bei den Demokraten der Frust offenbar zu groß ist, um rudimentäre Anstandsregeln zu wahren. Nur: Wenn sich Pelosi auf Trumps Niveau herabziehen lässt, schwächt sie die eigene Partei – denn auch in den USA gibt es noch immer sehr viele

Mike Schier. 

Wähler, die sich halbwegs normale Umgangsformen im Weißen Haus wünschen. Barack Obama jedenfalls hätte niemals die Rede eines Kontrahenten öffentlich zerrissen.

Ausgerechnet im Wahljahr präsentiert sich die Opposition in einem desolaten Zustand. Das Chaos in Iowa, der Richtungsstreit zwischen radikal Linken und Gemäßigten, der mitunter schmutzige Vorwahlkampf – auch Elizabeth Warren verweigerte Bernie Sanders unlängst den Handschlag. Kein Wunder, dass der Amtsinhaber trotz Impeachments derzeit so demonstrativ gute Laune hat ..."

Mike.Schier@ovb.net

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