Meinung

Debatte um Igor Levit: Das Gift der Worte

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Selbstverständlich darf man Igor Levit kritisieren. Und ganz unter uns: Es gibt tatsächlich (wenige) Abende, an denen er mit großen Pianistenkollegen nicht ganz mithalten kann. Doch längst hat sich die Kritik an diesem omnipräsenten, angriffslustigen Künstler, der seine Angreifbarkeit ja einkalkuliert, verlagert.

Dass dieser Widerstand gegen einen jüdischen Musiker den Antisemitismus nicht mehr nur streift, entschuldigen die Urheber gern damit: So habe man es nicht gemeint, das sei eben passiert, alles ein Missverständnis.

Symptomatisch sind diese Ausflüchte, weil sie auch andere Debatten bestimmen. Das Bewusstsein für Worte und ihre Folgen, für ihre Herkunft und Bedeutung, für ihre nicht nur waffenscharfe, sondern – viel schlimmer – giftschleichende Wirkung geht verloren. Es ist eben die alte Geschichte von den Worten und den Taten, die sie begründen, begünstigen und hervorrufen können.

Damit ist nicht allein das Twitter-Gekläffe gemeint. Man denke doch nur an „Asyltourismus“, „alternativlos“ (was dem demokratischen Prinzip widerspricht) oder, wie jetzt gegen Igor Levit, „Opferanspruchsideologie“. All dies sind bewusst gesetzte Begriffe, die einseitiges Denken prägen und schlimmstenfalls ihren Weg vom Hirn zur Handlung finden – oder dies bereits getan haben. Wer kritisch und reflektiert mit Worten, die er nutzt und hört, umgehen kann, hat also gewonnen. Es geht nicht um Denkverbote, sondern um ein Nachdenkgebot.

Markus.Thiel@ovb.net

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