Wer Covidiot sagt, macht es sich zu leicht

Corona-Debatte immer giftiger. GEORG ANASTASIADIS.

Ziemlich genau ein halbes Jahr wütet das Corona-Virus jetzt schon in Deutschland. Und es hat, glaubt man der immer schrilleren Debatte, anscheinend auch die ersten Mutanten in der heimischen Bevölkerung hervorgebracht: Man nennt sie „Covidioten“. Manchen Politikern wie der SPD-Co-Chefin Saskia Esken geht das C-Wort schon recht flüssig über die Lippen. Wer es ausspricht, fordert damit unausgesprochen ein Ende der Diskussion, nach dem Motto: Mit Verschwörungstheoretikern, rechten Spinnern, Maskenverweigerern und Leugnern der Virus-Realität ist jeder Diskurs sinnlos; die einzig sinnvolle staatliche Antwort auf „Covidiotie“ können nur Versammlungs- und Demonstrationsverbote sein. Oder?

Wenn es nur so einfach wäre! Die Einteilung der Bürger in einen homogenen Block der Vernünftigen, die die Corona-Maßnahmen unterstützen, und in gspinnerte „Covidioten“ ist der Versuch einer klaren Grenzziehung, die es so nicht gibt. Ja, es gibt sie, die Wirrköpfe. Und es gibt die, die Freiheit sagen, aber Hedonismus meinen, und denen die Gesundheit anderer egal ist. Aber es gibt auch die anderen, die mit erwägenswerten Argumenten manche Corona-Maßnahmen in Zweifel ziehen. Und sie werden eher mehr: Einen zweiten Lockdown als Reaktion auf eine anrollende zweite Infektionswelle würden vor allem viele Selbstständige oder Kleinunternehmer beruflich nicht überleben. Es hilft nicht weiter, ihr Aufbegehren im Keim zu ersticken, indem man sie in die Nähe der „Coronaleugner“ schiebt. Vor allem droht es die bisherigen Erfolge der Corona-Eindämmung zunichte zu machen. Denn diese beruhen auf der Bereitschaft vieler Menschen, mitzumachen. Wo diese schwindet, muss der Staat zu immer repressiveren Maßnahmen greifen, um seinen Willen durchzusetzen.

Politik und Medien müssen sich der argumentativen Auseinandersetzung stellen, ernsthaft und offen. Wer sich dem Diskurs verweigert und in moralische Gut-Böse-Muster zurückfällt, wiederholt die Fehler der Flüchtlingskrise und treibt unsere Gesellschaft in eine Spaltung, deren Folgen ebenso toxisch sein können wie das Virus selbst.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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