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Leopoldina fordert Corona-Lockdown: Der politische Takt stimmt nicht

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER
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CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER
  • Christian Deutschländer
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Schmerzhafte Ratschläge kommen nie zum willkommenen Zeitpunkt. Der Leopoldina-Plan, das Land in fünf Tagen komplett runterzufahren, ist besonders bitter.

Weil er die Vernünftigen in einer Phase trifft, wo sie die Kontakte längst drastisch reduzieren. Wo sich Frust breitmacht, warum die zweite Welle mit so viel Verzicht gestoppt, aber nicht gebrochen wurde. Wo die Kliniken so volllaufen, dass die Alles-nur-eine-Erkältung-Sprüche der Corona-Leugner rückblickend besonders hohl wirken.

Eine gefährliche Abwägung schiebt sich in den Vordergrund: Wie viele Infektionen nehmen wir hin? Der Grat zwischen Zynismus und rationaler Gesamtbetrachtung ist rasierklingenscharf. Zwei Wahrheiten kollidieren: die Ethik, dass eine Gemeinschaft jedes Leben schützen muss und, wie Söder richtig sagt, vermeidbare Todesfälle nicht als Statistik abheften darf. Aber auch die Tatsache, dass jeder Lockdown Menschen in die Verzweiflung treibt, Existenzen zerstört, Bildungschancen mindert.

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Ein harter Lockdown zwischen Weihnachten und 3. Januar, das sind drei Werktage, wäre natürlich verkraftbar. Sobald aber der Rahmen bis Mitte Januar wandert oder über Wochen die Schulpflicht ruht, geht es wieder um ein langes, extrem teures Runterfahren – fette Bremsspuren in der Wirtschaft, hässliche Milliardenschulden, die der nächsten Generation aufgetürmt werden. Da ist völlig egal, ob es der Bund oder Bayern zahlt. Gleichzeitig gibt es keine Gewissheit, dass das einen Jojo-Effekt verhindert, ein on/off bis März, Welle 3 bis 5.

Die Politik muss schützen, abwägen, auch Zeit gewinnen bis zu den Impfungen. Aktuell ist dazu ihr Takt falsch: Der Sommer wurde vertrödelt, aber jetzt überholen die Regierungen täglich ihre eigenen Beschlüsse. Die Söder-Verschärfungen purzeln durcheinander, statt abzuwarten, dass die heute startenden Maßnahmen an Schulen und in Altenheimen wirken. Für die Menschen, auf deren Disziplin es ankommt, ist das sehr mühsam.

Christian.Deutschlaender@ovb.net

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