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Sonderrechte für Geimpfte? - Der Preis für ein „normales“ Leben

 GEORG ANASTASIADIS
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 GEORG ANASTASIADIS
  • Georg Anastasiadis
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Bei ihrer Impfkampagne will die Bundesregierung auf Überzeugung setzen, nicht auf Zwang.

Alles andere wäre auch einigermaßen skurril: Im Moment liegt das Problem ja (noch) nicht darin, dass sich zu wenige Menschen impfen lassen wollen – sondern darin, dass nicht genügend Vakzin für alle Impfwilligen vorhanden ist. Das zügig zu ändern, wird die zentrale Bewährungsprobe der Politik im Jahr 2021 sein.

Die Koalition sollte dabei auch unkonventionelle Wege gehen, etwa zugelassene Impfstoffe in Lizenz auch von anderen Produzenten herstellen lassen, wie von FDP-Chef Lindner vorgeschlagen. Dass Deutsche später geimpft werden als etwa die Briten, von denen bereits eine Million das Vakzin verabreicht bekommen haben, lässt sich mit europäischer Solidarität noch einigermaßen überzeugend begründen. Ab sofort dürfen die Regierung und ihr Gesundheitsminister auf Verständnis für weitere Verzögerungen aber nicht mehr hoffen. Denn jeder Tag kostet Leben – und Lebensfreude. Und auch ein Stück Zukunft. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung beziffert den Schaden, den die Corona-Pandemie in Deutschland bis zum März angerichtet haben wird, mit 390 Milliarden Euro. Das ist historisch einzigartig.

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Zwei zentrale Fragen zu der angelaufenen, historisch ebenso beispiellosen Impfaktion hat die Regierung bereits abschließend beantwortet, nämlich die nach der Reihenfolge (die Alten zuerst) und einer möglichen Impfpflicht (nein). Beides war und ist so unmittelbar einsichtig, dass sich darüber kaum Kontroversen entsponnen haben. Die Debatte über die dritte Frage aber beginnt erst, und sie wird von anderem Kaliber sein: Sollen Geimpfte Sonderrechte erhalten? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagt Nein, aber seine Begründung – wer noch kein Impfangebot erhalten hat, solle dafür nicht bestraft werden – erlischt spätestens dann, wenn alle Zugang zur Impfung hatten, ein Teil der Bevölkerung sich ihr aber bewusst und aus teils nachvollziehbaren Gründen verweigert. Dann lautet die ethische Frage anders: Sollen die, die mitgemacht und sich und andere damit geschützt haben, dafür bestraft werden, dass wegen der Impfverweigerer die Herdenimmunität nicht erreicht wird und die den Alltag empfindlich einschränkenden Corona-Maßnahmen deshalb aufrechterhalten werden müssen?

Konkret: Dürfen nur geimpfte Kinder in die Kindergärten, geimpfte Schüler in die Schulen, geimpfte (oder getestete) Passagiere in die Flieger und darf nur geimpftes Pflegepersonal im Altenheim oder Krankenhaus arbeiten? Manche Tür könnte Impfgegnern am Ende verschlossen bleiben, vor allem da, wo private Unternehmen das Hausrecht ausüben. Es ist aber durchaus auch denkbar, dass ganze Staaten Einreisen vom Vorliegen eines Impfdokuments abhängig machen. Klar ist das in jedem einzelnen Fall ein Stück weit die Einführung einer „Impfpflicht durch die Hintertür“. Man muss keine Glaskugel besitzen, um zu ahnen, dass uns dieser Schlachtruf hundertfach begegnen wird und die Gerichte Urteile im Akkord fällen müssen. Aber wenn die Rückkehr zu einem „normalen“ Leben nur so zu gewährleisten ist, könnte das der Preis sein, den jeder Einzelne von uns für das Ticket zur Teilnahme an diesem Leben zahlen muss.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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