CDU-Parteitag in Leipzig Die heimliche Doppelspitze

CDU-Parteitag in Leipzig. Die heimliche Doppelspitze .

MIKE SCHIER

Der Aufstand ist ausgeblieben. Wer darauf gehofft hatte, dass Friedrich Merz 30 Jahre nach der friedlichen Revolution in Leipzig eine Neuauflage anzetteln würde, wurde enttäuscht. Der Fraktionschef a.D. hielt am Freitag zwar jene freie, kämpferische und humorvolle Rede, mit der er im vergangenen Dezember wohl zum Vorsitzenden gewählt worden wäre. Doch inhaltlich bemühte er sich redlich, sich ins Glied einzureihen. So gut er das kann.

Selten hat ein Parteitag den Zustand einer Partei so gut vor Augen geführt wie das Treffen der CDU in Leipzig. Die Merkel-Ära ist vorbei. Der Kanzlerin blieb ein Grußwort, dessen Inhalt wie so oft nach wenigen Minuten vergessen war. Haften blieb der große Applaus (für ihre Lebensleistung), den Merz auch als Hinweis deuten darf, die Kritik an 14 Regierungsjahren nicht zu sehr auf die Spitze zu treiben. Die Kanzlerin überließ die Show Annegret Kramp-Karrenbauer (auch ein Zeichen von Größe), und die angeschlagene Vorsitzende nutzte diese Beinfreiheit für eine ebenso kämpferische wie programmatische Rede, an deren Ende sie die Machtfrage stellte. Merz ließ die Gelegenheit verstreichen. Diesmal. Entschieden ist das Rennen um die Kanzlerkandidatur keineswegs.

Leipzig war und ist ein wichtiger Schritt für die CDU, den Emanzipationsprozess von Merkel endlich voranzutreiben. Vor allem inhaltlich. Sie braucht dazu nicht AKK oder Merz, sondern AKK und Merz. Beide können die CDU als Volkspartei repräsentieren, auch jene Flügel, die sich zuletzt nicht mehr wiederfanden. Allerdings funktioniert das nur, wenn beide gemeinsam vorgehen – quasi als inoffizielle Doppelspitze auf Zeit. Ein weiteres Jahr latenten Machtkampfs kann sich die Union nicht leisten.

Mike.Schier@ovb.net

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