Bundesverdienstkreuz für Draghi:  "Zweifelhaftes Verdienst"? – Kommentar und Leserbriefe 

Letzte EZB-PK mit Mario Draghi
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Mario Draghi erhält am Freitag einen hohen Bundes-Orden.

Die Zinspolitik der EZB mag vielen geholfen haben, sagt nicht nur unser Autor Mike Schier. Aber: Muss es ausgerechnet Deutschland sein, das den Ex-EZB-Chef eine der größten Ehrungen der Bundesrepublik zukommen lässt? Lesen Sie dazu auch die Meinung unserer Leser! 

Kommentar

Mike Schier 

Womöglich haben sie im Bundespräsidialamt ja selbst ein schlechtes Gewissen. Dass Frank-Walter Steinmeier kommende Woche den eben abgetretenen EZB-Chef Mario Draghi mit dem Bundesverdienstkreuz ehrt, wurde gestern jedenfalls nur durch einen verschämten Eintrag in den Terminkalender des Bundespräsidenten bekannt. Vielleicht versuchte man so, sich den zu erwartenden Shitstorm zu ersparen. Es wird nichts nützen.

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Ja, aus europäischer Sicht, vor allem aus Sicht der Krisenstaaten in Südeuropa, mag die Zinspolitik Draghis durchaus verdienstvoll gewesen sein. Den Krisenländern verschaffte er damals Luft zum Atmen, die dann aber leider nicht alle für die eigentlich notwendigen Reformen nutzten. Inzwischen sind die Negativzinsen so drückend, dass sie von den Banken schon an deutsche Sparer weitergereicht werden. Die private Altersvorsorge steckt in der Krise, Lebensversicherungen sind deutlich weniger wert. Die Flucht der Anleger in Immobilien hat massive Auswirkungen auf die Lebenshaltungskosten in den Städten.

Diesen immensen Preis für seine Euro-Rettung hat Dra-ghi in Kauf genommen. In der europäischen Abwägung mag er das so vertreten können. Aber dass ihn ausgerechnet Deutschland dafür ehrt, wird vielen bitter aufstoßen.

Kommentar von Mike Schier, Mike.Schier@ovb.net

Leserbriefe

"Es stellt sich nun wirklich die Frage, ist die deutsche Regierung noch bei Verstand? Mit welchem nachvollziehbaren Grund kann man einem Mann wie Mario Draghi das Bundesverdienstkreuz, offenbar auf Vorschlag von Außenminister Maas, verleihen? Das erinnert doch sehr stark an die Verleihung des Friedensnobelpreises an Ex-Präsident Barack Obama, der ja für seine vielen Regimewechselkriege bekannt war. 

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Zumindest im Bereich der sparenden Bevölkerung müsste es einen Aufschrei geben, wenn einem Mann, der dieser Gruppe durch seine Null- beziehungsweise Minuszinspolitik um Hunderte von Milliarden Euro gebracht hat, ausgerechnet von den Deutschen diese Auszeichnung verliehen werden soll. 

"Zinsersparnis für den deutschen Staat" 

Aber vielleicht ist es gar nicht abwegig, anzunehmen, dass der deutsche Staat, insbesondere unsere Regierung, Herrn Draghi damit die uneingeschränkte Dankbarkeit bekunden will. Hat er doch dafür gesorgt, dass der deutsche Staat rund 500 Milliarden Euro Zinsersparnis durch seine grandiose Zinspolitik zu Lasten der Sparer erzielt hat. Und das geht ja auch ungebremst weiter. Er hat das deutsche Bankenwesen, insbesondere den Bereich der VR-Banken und Sparkassen in nie dagewesener Weise durcheinandergebracht und eine weitere Fusionswelle ausgelöst. Die Altersversorgungen der Bürger schrumpfen, Lebensversicherungen sind völlig unrentabel geworden und nun wird der kleine Sparer in die Aktienmärkte getrieben. Ausgang bekannt, man braucht nur in die Vergangenheit zu schauen. 

Wenn schon eine solche Auszeichnung, warum bekommt er diese nicht von der EU?"

Hubert Stephan, Gstadt 

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"Sparer werden betrogen" 

"Warum verleiht der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz an Mario Draghi? Weil es Außenminister Heiko Maas vorgeschlagen hat. Da erheben sich große Zweifel, ob dieser überhaupt die Kompetenz dazu hat. Oder kam der Vorschlag von ganz oben und Maas wurde nur vorgeschoben? Eigentlich wäre Olaf Scholz derjenige, der von Draghi am meisten profitiert. 

Der Staat ist bekanntermaßen hoch verschuldet und mit dieser Nullzinspolitik spart sich der Finanzminister viele Euros. Dass aber der Sparer um seine Ersparnisse betrogen wird, ficht die „hohen“ Damen und Herren nicht an. 

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Ein Lehrer hat vor Jahren einmal die vier Stufen der Orden erklärt: Als erstes kommen die verdienten Orden. Die sind zum Beispiel für Lebensrettungsmaßnahmen. Als nächstes, die erdienten Orden. Für, zugespitzt gesagt, wenn jemand 50 Jahre beim Karnickelzüchterverband ist. Dann sind die „erdienerten“ Orden dran – heißt: Wenn ich so lange den Buckel mache und Honig ums Maul schmiere, bis sich jemand erbarmt und mich beehrt. 

Zum Schluss gibt es noch die „erdinierten“, sogenannten Frühstücksorden. Sie werden meist von Staatsoberhäuptern verliehen, unter dem Motto: „Heute dir, morgen mir“. Wenn man die Sache so betrachtet, gehört die Verleihung an Draghi zur letzten Ordensgattung. Warum soll man sich dann aufregen? Soll er sich bei seiner Beerdigung die Orden auf Samtkissen vor dem Sarg hertragen lassen. Sie sind meist das Blech nicht wert, aus dem sie sind.

Johann Kamhuber Oberbergkirchen

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