Brexit-Desaster für alle? Auch Brüssel sollte sich bewegen

Brexit-Desaster für alle? Auch Brüssel sollte sich bewegen .

GEORG ANASTASIADIS

Das Brüsseler Europa träumt einen Traum. Er handelt vom Exit vom Brexit, davon, dass das Königreich reumütig in den Schoß der EU zurückkehrt, weil es endlich versteht, dass ihm die Scheidung nur Kummer bringt. Das wäre schön. Nur ist es womöglich zu schön, um wahr zu sein. Zwar haben viele Briten heute eingesehen, dass sie sich in Teufels Küche begeben haben. Aber sie ahnen auch, dass ein zweites Referendum den Graben, der ihr Land durchzieht, am Ende nicht zuschüttet – sondern ihn noch viel tiefer aufreißen könnte. Selbst wenn sich London zuletzt zur Umkehr entschlösse, würde das halbe britische Volk die EU für die erlittene Demütigung abgrundtief hassen. Was wäre das für ein europäischer Partner?

Beide Seiten, Europa und die Brexiteers, haben hoch gepokert – und sich verzockt. Die Insel ist dabei, sich selbst schweren Schaden zuzufügen, weil man die einträchtige Unnachgiebigkeit der verärgerten (Ex-)Partner unterschätzt hat. Umgekehrt haben es die Brüsseler Verhandler trotz ihrer von Anfang an auf Abschreckung und Be-strafung angelegten Strategie nicht vermocht, das stolze Empire zum Einlenken zu bewegen. Jetzt lässt der drohende harte Brexit alle gemeinsam in den Abgrund blicken.

Wenn die EU den Brexit-Deal durchs Unterhaus bringen will, reicht es nicht, wehmütige Briefe zu schreiben. Brüssel muss seine starre Haltung aufgeben. Statt Großbritannien zur Handelskolonie zu machen, sollte man dem Land ein faires Abkommen über den Güterhandel anbieten und den Untertanen ihrer Majestät etwas mehr Flexibilität in Fragen der Begrenzung von Migration zugestehen. Denn darum geht es im Kern: Brüssel hält eisern an der Untrennbarkeit von freiem Handel und freier EU-Migration fest, London ersehnt die Rückerlangung der Kontrolle über die Zuwanderung. Indem sie diesen tief empfundenen Wunsch der Briten als „Rosinenpickerei“ abtat, hat die Kanzlerin die Verhandlungen mit in die Sackgasse geführt und Freunde zu Gegnern gemacht. Demokraten sollten einander nicht mit Diktaten quälen. Denn echte Gegner gibt es genug draußen in dieser Welt.

Georg.Anastasiadis@ovb.net

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