Meinung

Thüringens Ministerpräsident Ramelow hat richtig gehandelt, seine Fehleinschätzung zu Corona einzuräumen

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Corona-Politik heißt, täglich dazulernen - und dazu gehört es auch, Fehler einzugestehen und danach keine Folgefehler mehr zu machen.

Man muss wahrlich nicht zu den Freunden des Thüringer Linke-Ministerpräsidenten gehören. Aber Bodo Ramelow hat sich klug und mutig geäußert. „Die Kanzlerin hatte Recht, ich hatte Unrecht“, sagt er unumwunden. Er habe von Sommer bis Winter das Virus und den nötigen Lockdown unterschätzt, von „irriger Hoffnung“ geleitet. Keine Häme: Die Radikalität, mit der er die Fehleinschätzung auf dem zentralen Politikfeld zugibt, ist extrem selten. Keiner, der wie er irrte, hatte dazu den Mut. Das geht weit über den abstrakten Jens-Spahn-Satz hinaus, man werde sich nach der Pandemie viel verzeihen müssen.

Corona zu bekämpfen, heißt: täglich dazulernen. Das ist spannend, weil es den Mechanismen aus Politik und Medien – Recht haben oder koste es, was es wolle später Recht bekommen – widerspricht. Durch diese Krise müssen lernende Systeme steuern. Fehler macht die Politik etliche: die EU beim Impfstoff-Bestellen, die Länder beim schlappen Schul-Digitalisieren, um nur zwei herauszugreifen. Schwer, aber selten irreversibel. Wer das stur verteidigt und Kritik abbürstet, statt massiv umzusteuern, begeht den noch fataleren Folgefehler. Das gilt auch andersrum, für Schließungen, die womöglich überzogen oder wirkungsarm sind. Corona-Politik ist eben immer stärker ein Abwägen zwischen verschieden großen Schäden.

Die Menschen, von denen fast alle im Corona-Alltag auch Fehler machen, verstehen sogar im Wahljahr ganz gut, wenn oben einer sagt: „Ich habe mich geirrt.“ Sie werden im Herbst sicher nicht den wählen, der sich dauernd getäuscht hat. Aber vielleicht den, der am schnellsten glaubwürdig aus den Erfahrungen gelernt hat.

Schreiben Sie unserem Autor: Christian.Deutschlaender@ovb.net

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