Biden muss ins Rampenlicht

Wahlkampf in den USA. MIKE SCHIER.

Joe Biden führt derzeit den erfolgreichsten Nicht-Wahlkampf der Welt. Der designierte Herausforderer von Donald Trump hat sich in eine Art Selbstisolation begeben. Sein Haus in Wilmington im Bundesstaat Delaware verlässt er nur, wenn es unbedingt sein muss. Anhänger und Spender trifft der 77-Jährige per Videokonferenz aus dem heimischen Keller. Biden macht wenig. Und damit auch keine Fehler. Donald Trump begeht sie serienweise.

So befinden sich die USA in der absurden Situation, dass der Amtsinhaber derzeit der beste Wahlkämpfer für seinen Herausforderer ist. Vor allem der irrlichternde Umgang mit der Coronakrise, deren trauriger Höhepunkt in den USA erst bevor steht, und die harschen Töne in der Rassismusdiskussion haben dem Ansehen Trumps weitere Kratzer hinzugefügt. Eingefleischte Fans mag zwar gar nichts mehr schrecken, Gemäßigte aber reagieren zunehmend irritiert. Ohne viel beizutragen, legt Biden deshalb in den Umfragen zu und ist in wichtigen Staaten sogar schon deutlich vorne. Weil er als vertrauenswürdig, empathisch und berechenbar gilt. Oder um es prägnanter zu formulieren: weil er nicht Donald Trump ist.

Doch ob diese, nun ja, Strategie bis zur Wahl im November trägt, darf bezweifelt werden. Das Virus und die folgende Wirtschaftskrise werden konkrete Antworten verlangen. Biden muss ins Rampenlicht zurückkehren. Von entscheidender strategischer Bedeutung dürfte zudem die Wahl seines Vize sein, oder besser: seiner Vize. Manches deutet darauf hin, dass die Wahl auf Kamala Harris fallen könnte, eine mit 55 Jahren vergleichsweise junge Afroamerikanerin, die dem Machtkampf der beiden älteren weißen Herren neue Elemente hinzufügen könnte.

Mike.Schier@ovb.net

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