Amerikas Trauma

Neuer Fall von Polizeigewalt. FRIEDEMANN DIEDERICHS.

Wieder stirbt ein Afroamerikaner bei einem Polizeieinsatz, wieder schlagen die Emotionen in den USA hoch – vor allem in Atlanta, wo Rayshard Brooks starb, nachdem er sich gegen eine Festnahme wehrte. Der Vorfall kommt für das Land zum ungünstigsten Zeitpunkt, weil er jene Kritiker bestärkt, die einen „systematischen Rassismus“ der Ordnungshüter gegenüber Schwarzen sehen. Anders als beim Tod George Floyds war in Atlanta das Vorgehen der Beamten zunächst höflich-professionell. Dann eskalierte die Situation durch den Widerstand des angetrunkenen Autofahrers, was schließlich mit dem nicht notwendig erscheinenden Einsatz tödlicher Gewalt endete.

Dass die Stadt Atlanta innerhalb von Stunden den Polizeichef und den Todesschützen entließ, zeigt die Sensibilität, mit der das Thema behandelt wird. Auch wurden die Aufnahmen der Körperkameras der Cops schnell den Medien zur Verfügung gestellt. Doch anders als bei früheren Vorfällen, wo meist schnell wieder Ruhe einkehrte, wird die Debatte über überzogene Polizeigewalt und die Behandlung von Minderheiten diesmal anhalten. Denn die Wut sitzt tiefer und umfasst auch, wie der Sturz von Denkmälern zeigt, eine Gesellschaftskultur, in der sich die schweigende Mehrheit einer Aufarbeitung der gerade für Afroamerikaner so schmerzhaften Thematik verweigert hat. Besonders Amerikas Jugend ist nicht länger bereit, dieses Trauma zu ignorieren.

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