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Gesundheitsminister Spahn und der deutsche Impf-Frust: „Alles läuft wie geplant“ – ach ja?

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  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
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Inmitten der anschwellenden Wut um den chaotischen Impfstart in Deutschland hat Jens Spahn einen trotzigen Satz gesagt, der dem Umfrageliebling und der ganzen Bundesregierung noch um die Ohren fliegen wird: „Es läuft genau so, wie es geplant war.“

Ins selbe Horn stößt die deutsche EU-Chefin Ursula von der Leyen. Nun ja – womöglich war ja der Plan nicht so toll: Wochenlang haben Brüssel und Berlin gezögert, den schnellsten und offenbar auch besten, nämlich den deutschen Impfstoff von Biontech zu bestellen – ob aus falscher Sparsamkeit oder aus Rücksicht auf Pariser Interessen und Macrons Lobbyarbeit für den (mit Biontech konkurrierenden) französischen Pharma-Champion Sanofi, wird noch zu klären sein.

Leere Impfzentren, überfüllte Intensivstationen

Das Ergebnis jedenfalls ist bedrückend: Millionen Israelis, Briten und Amerikaner sind schon geimpft, während in unseren Impfzentren gähnende Leere herrscht und Menschen in überfüllten Intensivstationen um Luft ringen. Ist es da ein Wunder, dass sich die Menschen im Erfinderland des Impfstoffs um die Früchte heimischen Forschergeists (und staatlicher Fördermillionen) betrogen fühlen? Es reicht eben nicht, europäisch solidarisch zu handeln – man muss es auch gut machen.

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Erst recht, wenn es buchstäblich um Leben und Tod geht. Mit seinem beifallheischenden Moralisieren, die Deutschen dürften anderen den Impfstoff nicht wegkaufen, erreicht Spahn das Gegenteil des Gewünschten: Die Bundesbürger hadern mehr denn je mit Europa. Dabei hätten, eine umsichtigere Einkaufspolitik vorausgesetzt, alle Europäer gemeinsam profitieren können.

Deutschland ohne langfristige Strategie gegen das Coronavirus

Und so verkehrt sich das anfängliche Gefühl der Bürger, Deutschland habe die Coronakrise gut gemeistert, allmählich in sein Gegenteil. Das Fehlen einer Langfriststrategie – Schutz der Heime, eine scharfe Corona-Warnapp, funktionierender Fernunterricht an den Schulen – entschuldigte man in Berlin und auch in München noch mit dem Hinweis, die beste Langfriststrategie sei das Impfen. Erweist sich nun allerdings auch die Impfstrategie als dilettantisch, bleibt nicht mehr viel übrig, worauf die Wortführer der deutschen Politik, die sich so gern im Glanz internationaler Bewunderung sonnen, stolz sein könnten.

Stattdessen verheddern sich Spahn & Co., während das Virus immer grausamer zuschlägt und die absehbare Verlängerung des harten Lockdowns unsere Wirtschaft massiv schädigt, auch noch in Moraldebatten darüber, dass man Geimpften keine „Sonderrechte“ zugestehen dürfe. Statt die Krise mit allen Mitteln zu verkürzen, räsoniert Merkels Regierung lieber darüber, wie sie sogar Geimpften die grundgesetzlich verbürgten Freiheitsrechte noch länger als nötig vorenthalten kann.

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Georg.Anastasiadis@ovb.net

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