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Interview mit neon-Geschäftsführer

Digitale Welt: Wann ein Kind reif dafür ist und welche Gefahren dort lauern

Collage aus Porträt von Benjamin Grünbichler und Kind auf Sofa mit Smartphone
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Welche Risiken Smartphones für Kinder bedeuten, weiß Suchttherapeut Benjamin Grünbichler.
  • Andrea Schmiedl
    VonAndrea Schmiedl
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Smartphones sind aus dem Alltag vieler Kinder und Jugendlicher nicht mehr wegzudenken. Wer den sinnvollen Umgang mit ihnen unterstützen möchte, muss auch die Risiken kennen. Wertvolle Tipps für eine kindgerechte Smartphone-Nutzung hat der Suchttherapeut und Geschäftsführer der Rosenheimer Beratungsstelle neon Benjamin Grünbichler.

Woran erkenne ich, dass mein Kind reif ist für ein Smartphone?

Benjamin Grünbichler: Für die kompetente Smartphone-Nutzung braucht es verschiedene Fähigkeiten. Allen voran braucht es die Entschlossenheit, sich selbst begrenzen zu wollen. Die Mechanismen vieler Apps und auch des Geräts an sich selbst verführen dazu, sehr viel Zeit am Display zu verbringen. Das Smartphone triggert regelmäßig unser Belohnungssystem im Gehirn, weshalb es so schwer ist, es für längere Zeit aus der Hand zu legen. Eine weitere wichtige Fähigkeit ist das kritische Denken. Ist das Kind in der Lage zu durchschauen, welche manipulierenden Mechanismen in den Apps „eingebaut“ sind? Es gibt zum Beispiel Apps, bei denen man durch das Konsumieren von Werbeclips spielerische Vorteile erhält. Gerade Kinder sind anfällig, solchen Mechanismen auf den Leim zu gehen.

Welche Gefahren lauern bei der Smartphone-Nutzung? Welcher Risiken sollte man sich bewusst sein?

Benjamin Grünbichler: Aus meiner Sicht sind die manipulierenden Mechanismen eines der größten Probleme. Dazu zählt auch der sogenannte Ludic Loop, also die endlose Spiel- und Konsumschleife. Hab ich bei einem Spiel ein Match gewonnen, lädt das Game automatisch die nächste Runde. Habe ich einen Videoclip angesehen, wird automatisch der nächste geladen. Das aktive Unterbrechen dieses Loops erfordert viel Disziplin. Ein anderes großes Problem ist die ständige Verfügbarkeit des Smartphones. Wir sehen in unserer Beratungsstelle, wie sich Kinder und Jugendliche buchstäblich eine Aufmerksamkeitsstörung durch den Handykonsum antrainieren. Neben psychologischen und sozialen Aspekten gibt es auch Forscher:innen, die vor einer möglichen Belastung durch die Dauerbestrahlung warnen.

Was kann ich tun, um mein Kind beim Einstieg in die digitale Welt nicht gänzlich sich selbst zu überlassen?

Benjamin Grünbichler: Kinder sollten digitale Geräte in ihren frühen Jahren gar nicht alleine benutzen. Es bedarf gerade am Anfang der elterlichen Kontrolle und Begleitung. Denn nur die Erziehungsberechtigten können entscheiden, welche Inhalte und Apps für ihr Kind förderlich sind und keine Gefahr darstellen. Außerdem bietet das gemeinsame Erleben der digitalen Welt die Möglichkeit zum Austausch. Nicht selten können Kinder und Eltern voneinander lernen. Man sollte sich auch bemühen, Schnittmengen in der Mediennutzung zu finden. Wir hören immer wieder von Familien, die durch ein gemeinsames Videospiel ihre Beziehung zueinander stärken.

Welche Regeln sollten bezüglich Bildschirmzeiten aufgestellt werden? Gibt es allgemeine Empfehlungen dazu?

Benjamin Grünbichler: Es gibt Fachstellen, die ganz klare Bildschirmzeiten je Altersgruppe empfehlen (siehe zum Beispiel https://www.schau-hin.info/bildschirmzeiten). Wir empfehlen den Eltern, folgende drei Fragen zu beantworten: Pflegt mein Kind von sich aus Freundschaften und hat Interesse an Gleichaltrigen? Hat mein Kind Hobbys, auch außerhalb der digitalen Welt und geht diesen selbständig und gerne nach? Und läuft es in der Schule gut bis ok? Wenn Eltern alle drei Fragen bejahen können, dann können sie auch mehr Freiheiten bei der Bildschirmzeit lassen. Sollte es in allen drei Bereichen Schwierigkeiten geben, bedarf es einer stärkeren Reglementierung und Unterstützung – eventuell auch mit Hilfe einer Fachstelle.

Was sollten Eltern sonst noch regeln und was müssen sie bei der Umsetzung beachten?

Benjamin Grünbichler: Neben den Bildschirmzeiten sollten auch folgende Themen geregelt sein: Die persönlichen Daten, also welche Informationen darf das Kind über sich preisgeben? Welche Art von Fotos von sich und anderen sind erlaubt? Die Inhalte, also welche Apps und Websites dürfen nicht genutzt werden, da dem Kind noch die nötige Reife fehlt? Und die Konsequenzen, heißt, was passiert, wenn sich das Kind an Mobbing, Sexting oder ähnlichem beteiligt? Dem minderjährigen Kind muss auch klar sein, dass „sein“ Smartphone mit Vertrag „nur“ eine Leihgabe der Eltern ist. Daran sollten verbindliche Regeln geknüpft sein.

Inwiefern können und müssen Eltern hier Vorbild sein?

Benjamin Grünbichler: Vorbild sein ist leichter gesagt, als getan! Als erstes müssen sich auch Erwachsene bewusst machen, dass sie selbst für die manipulierenden Technologien ähnlich anfällig sind wie Kinder und Jugendliche. Es ist daher für Eltern genauso lohnenswert wie für Jugendliche, sogenannte „Digital Detox“-Regeln zu beachten: Tragen Sie eine Armbanduhr, damit Sie nicht ständig auf Ihr Handy schauen müssen, um zu wissen, wie spät es ist! Deaktivieren Sie während der Familienzeit alle privaten Push-Benachrichtigungen, etwa von WhatsApp! Sie reißen uns häufig aus der aktuellen Situation. Unsere Aufmerksamkeit ist dann nicht mehr bei unseren Kindern. Und: Leben Sie den Kindern vor, dass es auch medienfreie bzw. medienreduzierte Zeiten gibt, zum Beispiel beim Essen oder bei Ausflügen.

Wie kann man eventuelle Kostenfallen vermeiden?

Benjamin Grünbichler: Bei modernen Smartphones kann man in den Einstellungen bereits In-App-Käufe verhindern. Auf jeden Fall muss man den Kindern erklären, mit welchen perfiden Tricks manche App-Anbieter den User:innen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Mit einer technischen Sicherung kann man verhindern, dass In-App-Käufe aus Versehen getätigt werden. Gleichzeitig sollten die Eltern den Einsatz einer solchen App transparent machen und den Kindern erklären, dass diese Sicherung dazu da ist, um sie vor Kostenfallen und unangemessenen Inhalten zu schützen.

Benjamin Grünbichler und neon

Benjamin Grünbichler ist Geschäftsführer der Beratungsstelle neon - Prävention und Suchthilfe in Rosenheim. Seine Hauptmotivation für das Mitbegründen von neon war die Schaffung spezifischer Angebote für Menschen mit exzessivem Mediennutzungsverhalten. Durch diese neuen Präventions- und Beratungsangebote konnte neon dazu beitragen, die immer größer werdende Versorgungslücke zu schließen. Der Suchttherapeut (VDR) ist Autor des Buches „Lost in Cyberspace? Chancen und Risiken von Online-Rollenspielen“.

neon - Prävention und Suchthilfe betreibt als öffentlich geförderte und gemeinnützige Organisation eine Präventionsfachstelle sowie eine Beratungs- und Behandlungsstelle für abhängige Menschen und deren Angehörige. Die Mitarbeiter beraten anonym und kostenlos und bieten in den neon-Räumen in Rosenheim auch die Möglichkeit zur ambulanten Suchttherapie. Mit dem Label neon@work ist das Team darüber hinaus im betrieblichen Gesundheitsmanagement und der betrieblichen Gesundheitsförderung tätig.

Ihr Resümee …

Benjamin Grünbichler: Die beste Voraussetzung für den Einstieg in die digitale Welt ist eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Kind. Es wird nicht alles rund laufen, aber wenn man über alles reden kann, lassen sich auch Lösungen finden.

as

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