CHRISTIAN STÜCKL ÜBER SEINE INSZENIERUNG VON GEORGE TABORIS „MEIN KAMPF“ UND DEN NEUBAU DES VOLKSTHEATERS

„Wir müssen frecher werden!“

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Heute ist ein besonderer Tag fürs Münchner Volkstheater und seinen Intendanten Christian Stückl: Am Nachmittag wird der Siegerentwurf für den Neubau des Theaters auf dem Viehhofgelände vorgestellt, über den unsere Zeitung bereits Anfang Dezember berichtet hat.

Am Abend hebt sich dann der Vorhang für die Premiere von George Taboris „Mein Kampf“; der Hausherr selbst hat die Groteske eingerichtet. Wir sprachen mit Stückl über seine Inszenierung und das neue Domizil des Volkstheaters.

-Bei der Pressekonferenz zur neuen Spielzeit haben Sie sich die Frage gestellt, ob das Theater noch gesellschaftlich wirken kann. Beantworten Sie diese Frage jetzt mit Ihrer Inszenierung von George Taboris „Mein Kampf“?

Dass ich über „Mein Kampf“ gestolpert bin, hat sicher damit zu tun, dass ich zurzeit das Gefühl habe, dass unsere Welt nicht freundlicher wird. Tabori habe ich sehr geschätzt, aber seine Stücke habe ich bisher nie wirklich gelesen. „Mein Kampf“ reagiert ja nicht direkt auf unsere Zeit. Aber auf der Probe, wenn wir im Ensemble darüber reden, wird klar, dass Antisemitismus, Vorurteile gegenüber anderen Menschen und die rechte Gesinnung, die wieder hochkommt, im Stück drinstecken. Alles Dinge, die uns derzeit umtreiben.

-Ist Ihre Inszenierung also auch ein Kommentar zur Zeit?

Mich beschäftigt schon die Frage, wie wir als Theater auf das reagieren, was außenrum ist. Im Moment müssten wir vielleicht darauf reagieren, dass wir keine Regierung zusammenkriegen oder dass Demokratie doch schwerer ist als gedacht. Natürlich hat auch „Mein Kampf“ etwas mit der Zeit zu tun – aber als Kommentar möchte ich den Abend dennoch nicht verstanden wissen.

-Was hat Sie am Stück gereizt?

Ich mag seinen Witz. Da ist ein Jude, der sagt, ich muss in meinem Leben etwas Gutes tun, denn er hat Angst vor dem Jüngsten Gericht. Ausgerechnet bei diesem Menschen steht Hitler vor der Tür...

-...und er denkt: Jetzt kann ich etwas Gutes tun.

Und er kümmert sich um Hitler, der ihn von vorne bis hinten fertigmacht. Diese Ausgangskonstellation mag ich.

-Tabori (1914-2007) hat sein Stück „Farce“ genannt. Lässt sich das heute noch inszenieren, da die Realität selbst oft wie eine Farce wirkt?

Bei jeder Probe haben wir uns gefragt: Darf man Hitler so darstellen? Da ist ja wirklich alles drin – von der verschissenen Unterhose zum Onanieren, vom Popel-Schnipsen zu Schimpfworttiraden, von Zitaten aus „Mein Kampf“ bis zum Huhn-Abschlachten. Dann sitzt man in der Probe, und die jungen Techniker sagen: „So habe ich Hitler noch nie gesehen.“ Vielleicht muss man sich dieser Figur tatsächlich mal wieder von der komödiantischen Seite nähern, wie es Charlie Chaplin auch gemacht hat.

-Aber ist das nicht schwierig, da doch Hitler so leicht zu parodieren ist?

Ich habe Jakob (Immervoll, der Hitler spielt; Anm. d. Red.) gesagt, er soll auf keinen Fall versuchen, Hitler nachzumachen. Der Witz entsteht aus der Konstellation, dass jemand Gutes tun will – und das Gute zum Vernichtungsmittel wird. Oft herrscht noch immer das Bild Hitlers als Monster – das ist bequem, weil die Leute sagen können: Wir haben keine Schuld, er war’s. Aber natürlich haben sie von den Verbrechen gewusst – er muss etwas an sich gehabt haben, weshalb die Leute ihm nachgelaufen sind. Das ist heute bei Trump genauso: Was sehen die Menschen in ihm und warum wählen sie ihn?

-Nochmals zurück zum Anfang unseres Gesprächs: Sie haben bei der Pressekonferenz auch gesagt, dass Sie nicht wissen, wie man die Menschen ins Theater bekommt, die etwa bei Pegida mitlaufen oder sich der AfD nahe fühlen.

Ich habe oft selbst dieses Gefühl: Ich bin Grün-Wähler – ich bin auf der richtigen Seite. Aber was soll der Schmarrn? Nur weil wir nicht AfD wählen, sind wir bessere Menschen? Im Theater sitzen oft jene Menschen, die neugierig sind auf Neues, Unbekanntes. Doch wie schafft man es, auch die anderen reinzulocken? Das ist extrem schwierig. Denn es braucht eine gewisse Offenheit, um ins Theater zu gehen. Ein Beispiel: Bei uns jobbt eine Studentin aus Afghanistan. Heuer hat mich nach dem Krippenspiel eine Besucherin angesprochen: „Es war so schön, Herr Stückl. Aber muss ich mir von einer Kopftuchträgerin die Karten abzwicken lassen? Die gehört doch da nicht her!“ Sie hat nimmer aufgehört, bis ich gesagt hab: „Ich glaube, Sie gehören da nicht her. Die Zahra gehört seit fünf Jahren zu unserem Haus.“ Das zeigt, dass auch im Zuschauerraum kein homogenes Publikum sitzt.

-Was kann das Theater tun, um Menschen zum Nachdenken zu bringen?

Wir müssten viel frecher sein, aber wir müssen auch politischer werden. Die jungen Regisseure suchen alle nach einer eigenen Handschrift. Die haben sie dann vielleicht mit 25. Aber was sind die Themen, die sie beschäftigen?

-Jetzt fällt der Abend der Premiere auf den Tag, an dem der Siegerentwurf für das neue Volkstheater im Viehhof vorgestellt wird. Sind Sie zufrieden?

Vor sechs Jahren war klar, dass man dieses Haus sanieren muss. Eine erste Schätzung ergab, das werde 40 Millionen Euro kosten. Das wäre Wahnsinn gewesen, so viel Geld in ein Gebäude zu stecken, das vom Bayerischen Fußballverband gemietet ist. Damals habe ich zum ersten Mal gesagt: Bauen wir ein neues Volkstheater. Auf Google Maps sind wir durch ganz München gewandert und haben geschaut, wo es stehen könnte. Wegen einer anderen Sache waren wir bei einem Architekten am Viehhof. Da war klar: Das ist der richtige Platz für ein neues Theater. Die vergangenen zwei Jahre waren wir dann mit Bedarfsplanung beschäftigt: eine große Bühne für 600 Zuschauer, ein kleiner Saal für 200 Zuschauer, ein Raum für 100. Wir brauchen aber auch einen Kindergarten, weil hier viele junge Leute arbeiten, und die Öffnungszeiten von normalen Kindergärten nicht mit den Arbeitszeiten am Theater kompatibel sind. Wir brauchen eine Kneipe, einen Biergarten, denn ohne ist es fad. Der Siegerentwurf hat alle diese Anforderungen am besten erfüllt.

-Fürchten Sie Probleme beim Bau?

Ende Mai ist die Baustellenübergabe von der Stadt an den Investor – und dann wird gebaut. Bisher sind wir bei allen Terminen im Plan geblieben. Daher sind wir guter Dinge, dass die Eröffnung der Spielzeit 2021/22 im neuen Volkstheater stattfindet.

-Klingt, als seien Sie glücklich.

Wir müssen aufpassen, dass es auch architektonisch kein Kulturtempel wird. Wir brauchen ein Theater, das keine Schwellenängste verursacht. Das Haus muss so sein, dass die Menschen gerne da sind.

-Planen Sie bereits den Abschied von der Brienner Straße und den Neustart im Viehhof?

Bis dahin habe ich noch gut 25 Premieren – aber natürlich redet man darüber. Neulich hat mein Chefdramaturg Kilian Engels zur Gaudi gesagt, er optioniere jetzt beim Verlag „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ für die Eröffnung der Spielzeit 21/22. (Lacht.) Schaun wir mal, was wir machen.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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