DIE ARD WILL KÜNFTIG AUF DIE ZUSAMMENARBEIT MIT EXPERTE PHILIPP LAHM VERZICHTEN

Mann über Bord

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von marc beyer. Wer sich mit Arbeitszeugnissen auskennt, weiß die Einschätzung einzuordnen, die Axel Balkausky vor wenigen Wochen Philipp Lahm widmete.

Den Weltmeister und langjährigen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft während der Fußball-WM als Experten im Team zu haben, sei „aufgrund seiner Erfahrung sicher sehr belebend“ gewesen, räumte der Sportkoordinator der ARD in einem Turnierfazit gegenüber der „Sport Bild“ ein. Das „Aber“ schwang freilich in diesem zarten Lob unüberhörbar mit. Denn als Senderverantwortlicher hätte er sich „noch mehr von diesem Erfahrungsschatz und noch deutlichere Einschätzungen“ gewünscht. Und deshalb werde man „noch einmal grundsätzlich“ über die Zusammenarbeit reden.

Zwei Wochen später ist das Ergebnis dieses Grundsatzgesprächs klar: Der Sender und sein prominenter Mitarbeiter gehen künftig getrennte Wege. Während die ARD weiter auf die Expertise von Thomas Hitzlsperger vertraut und mit dem früheren Nationalspieler einen neuen Vertrag abschließen will, wird der nach der WM ausgelaufene Kontrakt mit Lahm (34) nicht verlängert. Im September, wenn die Sportchefs des Senderverbunds zusammenkommen, steht die Personalie auf der Agenda. Am Ergebnis soll sich aber nichts mehr ändern.

Lahms WM-Gespräche mit Moderatorin Jessy Wellmer vor der Kulisse des Tegernsees waren intern schon früh umstritten. Das eigentliche Hauptquartier von ARD und ZDF stand während des Turniers in Baden-Baden, doch der frühere Bayern-Profi bestand darauf, vor der Haustür interviewt zu werden. Den Weltmeister als Repräsentanten aufzubieten, war den Entscheidern so wichtig, dass sie ihm in diesem Punkt entgegenkamen. So gab es im Juni regelmäßig Schalten in den Yacht-Club Bad Wiessee, ohne dass die Gespräche sich markant von den anderen Expertentalks abgehoben hätten. Dass Wellmer dann auch noch regelmäßig zwischen Oberbayern und Moskau hin- und her-pendelte, was weder logistisch noch finanziell optimal war, soll auch nicht jedem Verantwortlichen eingeleuchtet haben.

Letztlich waren die Lahm-Auftritte so, wie man sie erwarten konnte: Charmant und angenehm, aber auch diplomatisch und ohne allzu schmerzhafte Zuspitzung. Ein bisschen mehr Klartext im Umgang mit der Nationalmannschaft wäre dem TV-Partner sehr recht gewesen, aber den gab es erst, als das Turnier für das DFB-Team längst beendet war. Dass Lahm über seinen privaten Account im Karrierenetzwerk LinkedIn deutliche Kritik an Bundestrainer Joachim Löw äußerte und empfahl, den kollegialen Führungsstil zu ändern, sorgte bei der ARD für erheblichen Verdruss. Genau solche Anregungen hätten sie von ihrem Experten, dem sie eine Menge Geld zahlten, gerne während des Turniers gehört.

Für Philipp Lahm wird die Entscheidung der ARD zu verschmerzen sein. Sein Löw-kritischer Kommentar via Sozialer Netzwerke war von vielen Beobachtern so aufgenommen worden, als bringe sich der frühere Vorzeigeprofi für einen Posten im DFB in Stellung, wo vieles gerade im Umbruch scheint. Sollte es wirklich so kommen, wären ein Fernsehvertrag und die damit einhergehende Verpflichtung, den Verband auch mal kritischer zu behandeln, ohnehin eher hinderlich.

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