ROMANCIER UND DREHBUCHAUTOR DAVID SCHALKO ÜBER DIE ÖSTERREICHISCHE LUST AN SELBSTZERFLEISCHUNG UND SCHLAMPEREI

Mit dem Lasso eingefangen

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„Ich bin der letzte Mohikaner“, sagt David Schalko. „Nach mir gibt es keinen Humor mehr.“ Foto: Simon Brugner/ o-töne/ dpa

Interview . Der Schalk sitzt David Schalko im Nacken – aber was für einer!

Der wunderbarste, bitterböseste wienerische Schmäh-Schalk unserer Zeit. Kein Geringerer als Josef Hader hat über seinen Landsmann gesagt: „David Schalko sieht unbestritten aus wie ein Genie. Es spricht aber auch einiges dafür, dass er eins ist.“ Schalko trocken: „Ein genialer Satz.“ Am Sonntag stellt der 45-Jährige seinen neuen, vierten Roman „Schwere Knochen“ in München im Milla vor (siehe Kasten). Wir sprachen den Mann, der die wunderbaren Fernsehserien „Aufschneider“, „Braunschlag“ und „Altes Geld“ gedreht hat.

-Warum kriegen wir Deutsche den österreichischen Humor nicht so schwarz und schräg hin?

Weil der Österreicher eine große Lust an Selbstzerfleischung und Abgrundschau hat. Und: Der Deutsche ist nicht so schlampig und deshalb mit weniger Lust versehen. Wenn man nicht so schlampig ist, braucht man weniger Humor.

-Und das Thema Vergangenheitsbewältigung im Alpenland…

Ja, Vergangenheitsbewältigung kann man uns auch nicht vorwerfen. Der Wiener Humor ist geprägt vom jüdischen Humor der vorvergangenen Jahrhundertwende und der Zwanzigerjahre, und trotz Nationalsozialismus hat sich das Schwarzhumorige auch im Kabarett gehalten – über Qualtinger oder etwa Hader.

-Und was kommt nach Ihnen? Noch eine Generation vom alten Humorschlag?

Ich bin der letzte Mohikaner. Nach mir gibt es keinen Humor mehr. Jetzt kommt die deutsche Gründlichkeit.

-Kriegen Sie eigentlich viele Beschimpfungen – Nestbeschmutzer oder so?

Nein, das hält sich in Grenzen. Der Österreicher ist nicht so aktiv. Und wenn, dann lässt er sich lieber im Internet aus. Man muss sich anstrengen, um ihn zu ärgern.

-Wie ärgert man ihn?

Indem man Wahrheiten anspricht. Also etwa die schon erwähnte nicht vollzogene Vergangenheitsbewältigung, die Zeit des Nationalsozialismus oder der Minderwertigkeitskomplex wegen des geschrumpften einstigen Weltreichs. Aber sich da draufzusetzen, wäre zu billig. Das mache ich erst im Alter, wenn mir sonst nichts mehr einfällt.

-Was fällt Ihnen derzeit so ein?

Ich bin grad beim Schnitt zur Miniserie „M“.

-Nach dem Fritz-Lang-Klassiker „M – eine Stadt sucht einen Mörder“?

Genau. Wir haben das Drehbuch völlig neu geschrieben. Der Film spielt nun in Wien und nicht in Berlin. Aber ich glaube, der Stoff des frei herumlaufenden Kindermörders ist aktuell und interessant wie eh und je. Und der Stadtvergleich von vor 80 Jahren und heute sowieso.

-Wie kommen Sie eigentlich an diese tollen Schauspieler für Ihre Serien und Filme?

Die laufen in Wien so rum. Man muss sie nur mit dem Lasso einfangen.

-Den Udo Kier aus „Altes Geld“ auch?

Da war das Lasso etwas länger. Er wohnt in Palm Springs.

-Wenn Sie durch Wien laufen, sind Sie dann im Tunnel oder schnappen Sie von überall Ideen auf?

Letzteres. Ideen erfindet man ja nicht, sondern man findet sie und klaubt sie auf. Man hebt  die  Dinge  auf, die so herumliegen.  Schauspieler etwa.

-Dafür haben Sie doch ein Lasso.

Das braucht man aber nicht bei allen.

Das Gespräch führte Matthias Bieber.

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