„Die Frau von nebenan“ wird 75

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Hausfrau mit Jahrhundertstimme: Aretha Franklin.
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Hausfrau mit Jahrhundertstimme: Aretha Franklin.

Aretha Franklin . Wenn sie nicht auf der Bühne stehe, sei sie eine normale Frau von nebenan, behauptet Aretha Franklin.

Freilich gibt es glaubwürdige Zeitzeugen, die Franklin für eine Diva halten, deren Bandbreite an Launen mindestens so imposant ist wie ihre fünf Oktaven umspannende Stimme. Kurioserweise ist vermutlich beides wahr. Franklin, am 25. März 1942 in Memphis Tennessee geboren, hat früh Kontakt zur Showbranche. Die Familie zieht bald nach Detroit, wo gerade eine vitale Musikszene entsteht und mit dem Label „Motown“ Popgeschichte schreiben wird. Franklins Vater ist ein berühmter Reverend, der für eine Predigt bis zu 4000 Dollar bekommt. In den 50er-Jahren ein kleines Vermögen, die Franklins sind wohlhabend.

Zu Hause gehen die Stars jener Zeit aus und ein. Arethas Idol Mahalia Jackson ebenso wie Sam Cooke, in jener Zeit gemeinsam mit Nat King Cole der einzige schwarze Solo-Künstler mit Nummer-1-Hits. Schon als Teenager fällt Franklins eigenwillig expressiver Stil und die außergewöhnlich druckvolle Stimme auf. Zunächst nimmt sie Gospel-LPs auf, dann auch gelegentlich Soul. 1967 gelingt ihr der triumphale Durchbruch. Album und Titelsong „I never loved a man the way I love you“ gehen durch die Decke und mit „Respect!“ schreit sie sich an die Spitze der Charts und für immer in das kollektive Gedächtnis der Musikwelt. Sie krempelt das Lied von Otis Redding komplett um und macht eine Hymne für Freiheit und Selbstbestimmung daraus – für Afroamerikaner, aber insbesondere auch für Frauen.

Trotz Franklins selbstbewusstem Auftreten umweht sie ein Hauch der Melancholie. Frühe Fotos zeigen die hübsche Aretha oft mit waidwundem Blick. Sie spricht nicht viel über ihr Privatleben, aber die Suche nach dem richtigen Mann ist offenkundig ein Lebensthema und die Enttäuschungen anscheinend heftig.

Dafür läuft es beruflich exzellent. Den Grammy gewinnt sie in Serie, insgesamt 20 Mal. Als ihre Karriere durch Disco, Scheidung und Erkrankung des verehrten Vaters ins Trudeln kommt, flieht Franklin 1982 Knall auf Fall aus Los Angeles zurück nach Detroit. Und wird zur Diva. Wer etwas von ihr will, muss nach Detroit kommen, Gesangsaufnahmen – nur in Detroit. Konzerte gibt sie nur, wenn sie den Ort in maximal zwölf Stunden mit dem Auto von Detroit aus erreichen kann. Franklin besteigt kein Flugzeug. 1985 feiert sie gegen alle Vorhersagen mit „Who’s zoomin who“ den größten Erfolg ihrer Karriere. Das Wort Comeback verbietet sie sich. „Ich war nie weg.“

Dafür überrascht sie damit, unter sündhaft teuren Pelzmänteln schlichte Jeans und Sweatshirts zu tragen, eigenhändig den heimischen Gemüsegarten umzugraben oder mit Hingabe zu kochen, angeblich sehr gut. Eine Hausfrau und Diva in einer Person – mit einer Jahrhundertstimme. Zoran Gojic

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