JÜRGEN MARCUS, DER EINST STAMMGAST IN DER ZDF-„HITPARADE“ WAR, IST MIT 69 JAHREN IN MÜNCHEN GESTORBEN

Der bescheidene Star

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Nachruf . von zoran Gojic.

Natürlich ist es ein bisschen ungerecht, wenn bei der Nachricht von Jürgen Marcus’ Tod alle nur an ein Lied denken. Es ist aber so: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, der Titel, mit dem Marcus 1972 zum Dauergast der ZDF-„Hitparade“ wurde, blieb sein größter Erfolg. Ein Lied, das heute noch jeder erkennt und von dem so manche, die es bei Schlagerpartys inbrünstig mitsingen, gar nicht mehr wissen, wessen Stimme sie da hören.

Marcus hatte noch weitere Chart-Erfolge, in den Siebzigerjahren gehörte er zu den regelmäßigen Hitlieferanten in Deutschland. Aber wie viele andere seiner Schlager-Kollegen litt er darunter, schematische Titel nach der immer gleichen Formel abliefern zu müssen. Marcus, 1948 im nordrhein-westfälischen Herne als Jürgen Beumer geboren, sang als Teenager in Beatgruppen und trat dann professionell – jedoch ohne Gesangsausbildung – in der deutschen Version des Erfolgsmusicals „Hair“ auf. Seine Leidenschaft gehörte dem französischen Chanson – aber als ihn der Produzent Jack White 1970 unter Vertrag nahm, wurden kommerziell vielversprechende deutsche Schlager produziert.

Es folgten Fernseh- und Kinoauftritte – Jürgen Marcus war auf die Rolle des sonnigen, netten Schwiegersohntypen abonniert. Im Jahr 1976 versuchte er, ein wenig aus der zwar erfolgreichen, aber unverrückbaren Schiene auszubrechen und trat beim Grand Prix für Luxemburg mit einem französischsprachigen Chanson an. Es reichte für einen Achtungserfolg, aber nicht als Startschuss für eine zweite Karriere.

Marcus sang also weiterhin Lieder, die Titel trugen wie „Was hast du heute Abend vor“, und trat in Filmen auf, die beispielsweise „Träume kann man nicht verbieten“ hießen. Der Sänger ahnte freilich als einer der Ersten, dass sich die goldene Ära des Schlagers dem Ende zuneigte, und stieg deshalb Ende der Siebzigerjahre aus dem Vertrag mit Jack White aus. Nun war er frei – aber auch ohne Hits. Seine neuen Lieder, die sich am französischen Chanson orientierten, zogen beim großen Publikum nicht, auch die Versuche, Pop auf Englisch zu machen, zündeten nicht. Er trat dennoch weiter auf, zuverlässig die alten Schlager singend und scheinbar alterslos. Hinter den Kulissen ertränkte er seine Enttäuschung aber in Alkohol, wie er später bekennen sollte.

Neben den ausbleibenden Hits bedrückte Marcus das Doppelleben, das er führen musste. Auf der Bühne war er der ewig jugendliche Mädchenschwarm, in Wahrheit zog es ihn zu Männern hin. 1991 ging er als erster deutscher Schlagerstar mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit, was damals ein Tabubruch war in einer Branche, in der Marcus keineswegs der Einzige war, der eine Lüge lebte.

Abgesehen davon war Jürgen Marcus keine gute Adresse für die Klatschpresse. Er lebte unauffällig in München, hielt sich von Recycling-Pornografie wie „Big Brother“ oder dem „Dschungelcamp“ fern. Ein paar Tage zweifelhaften Ruhms waren ihm die Demütigungen des modernen Showbetriebs offenkundig nicht wert. Stattdessen ging er zu den wenigen verbliebenen Schlagersendungen und verdiente sich seinen Lebensunterhalt, so ehrenhaft es im Schlagergeschäft eben ging, mit Comeback-Alben und Weihnachtsplatten.

Im Jahr 2012 war Schluss mit öffentlichen Auftritten, er litt an chronisch obstruktiver Lungenerkrankung. 2017 erklärte er seinen endgültigen Rückzug aus dem Musikgeschäft, nun ist er wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag in München gestorben. Er hat sich eine stille Beerdigung gewünscht. Natürlich, möchte man sagen.

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