Alles kriecht ins iPhone

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Florian Hufnagl ist ab morgen im Ruhestand. F: Hannes Magerstaedt

Interview Florian Hufnagl, der scheidende Chef des Design-Museums Neue Sammlung, über Erfolge und Zukunftsprobleme

Florian Hufnagl (Jahrgang 1948) hat 34 Jahre Die Neue Sammlung – The International Design Museum Munich geprägt: seit 1980 als Konservator, 1990 als Direktor. Damals hauste das Museum noch in dem Anbau am Bayerischen Nationalmuseum und konnte seine enormen Schätze gar nicht in einer Dauerausstellung präsentieren. Aber die wechselnden Expositionen waren berühmt. Hufnagl richtete nach dem Bau der Pinakothek der Moderne nicht nur dort eine hoch begehrte Schau ein, sondern bespielte obendrein die Hälfte des Neuen Museums in Nürnberg. Auch das Keramikmuseum Weiden steht unter seiner Ägide. Begnadeter Sammler und begnadeter Inszenator des Industriedesigns. Hufnagl, der Designer des Designs, ist ab morgen im Ruhestand. Kommissarische Leiterin dann: seine Stellvertreterin Corinna Rösner.

-Herr Professor Hufnagl, Sie haben zwei Museen aufgebaut. Was ist dabei entscheidend?

Die Sichtbarmachung unseres Hauses. Das ist das alles entscheidende Moment: weil wir in der „Wohnung“ in der Prinzregentenstraße – das waren einst die Empfangsräume der Generaldirektorenwohnung – nichts zeigen konnten. Ich bin auch unglaublich froh über den doppelten Standort München und Nürnberg, denn wir können jeweils ganz andere Projekte realisieren.

-Was heißt: sichtbar machen? Das Herzeigen von Objekten?

Darum geht es nicht. Es geht zunächst mal um das Sichtbarmachen des Themas Gestaltung im Design. Design wird oft nur durch Werbung, vielleicht durch Medien, verbreitet, und die ist sehr stark marketingorientiert. Schlagwort: Hairdesign, was mit Design nichts zu tun hat. Wir zeigen Gestaltung in einem kulturellen Kontext; in dieser Breite geht das natürlich nur über das System dieser beiden Häuser: freie und angewandte Kunst in der Pinakothek und letztlich zeitgenössische Kunst und zeitgenössisches Design im Neuen Museum Nürnberg –  das  ist   die eigentliche Aufgabe und das Schöne.

-Wie viele Objekte hat die Neue Sammlung mittlerweile?

Wir Museumsleute denken in Inventarnummern; da sind es rund 100 000, wobei eine Nummer auch ein komplettes Service umfassen kann. Wir sind weltweit das größte Museum dieser Art, schon allein aus der Geschichte heraus.

- Weil die Neue Sammlung so alt ist.

Gründungsjahr 1907 – Beginn des Werkbunds. Die Ausrichtung aufs internationale Sammeln war sofort vorhanden. Woanders wurde nur national gesammelt! Das war bei uns neu. Das war auch der Grund, warum wir 1933 geschlossen worden sind. Wir waren nur noch eine Abteilung des Nationalmuseums und haben Südtiroler Spitzen gesammelt. Das war die Strafe dafür, dass wir in den 20er-Jahren am Bauhaus interessiert waren.

-Wie müssen sich heute und in Zukunft Designmuseen ausrichten?

Die Internationalisierung wurde Globalisierung. Mit der ganzen Problematik. Zum Beispiel: Design passiert heute auch im pazifischen Raum. Und die Produktion auch; viele Dinge gehen, à la longue gesehen, in diesen Raum hinein – wobei der sehr unterschiedlich ist. Japan ist anders als China, und Korea ist noch mal anders. Die sind alle hungrig. Da gibt es ein starkes Bemühen, sowohl von Seiten der Industrie wie von Seiten der Regierungen. Da wird Geld in die Hand genommen. Dort ist eine ganz andere Dynamik als bei uns. Das erschwert es einem Haus wie unserem: Ich kann heute Europa und Teile Amerikas abdecken, aber wenn ich wegen eines Gesprächs in Fernost 16 Stunden im Flugzeug bin, wird’s allmählich schwierig. Das ist das große Spannende, was derzeit geschieht. Was ich mir außerdem angeschaut habe sind Brasilien, Russland, Indien.

Dann gibt es in Teilen Asiens noch eine gigantische Verschiebung: Wir haben da eine Flächenkunst. Das gilt für Architektur und natürlich für Malerei. Das sieht man am besten, wenn man Indien mit China oder auch Japan vergleicht. In Indien ist die Kunst dreidimensional, in China ist alles flach. Alles kriecht ins Zweidimensionale, ins iPhone. Es ersetzt mindestens 50 Geräte, ist aber bloß ein flaches Ding. Was es kann, sehe ich erst, wenn ich’s einschalte. Wenn ich in die Küche gehe, habe ich auch so eine schwarze Platte. Nur das rote Licht signalisiert: ui, Feuer! Das bedeutet: Die Form der Vermittlung der verschiedenen Funktionen, die  so ein Gegenstand wie das iPhone leisten kann, wandelt  sich  im  Augenblick massiv.

-Was heißt das fürs Design? Dass nur noch die Gestaltung der aufscheinenden Flächen wichtig wird?

Ja.

- Nur das Grafikdesign?

Oder die Software. Aber du kannst die kaum bewahren.

- Das ist für den Museumsgedanken ein Problem.

Wenn ich mir anschaue, dass das Museum of Modern Art in New York Softwareprogramme sammelt, dann frage ich: Wie lange kann es das? Das funktioniert eben nur bis zur Lebensdauer des Chips. Dann ist Ende.

- Viele neue Materialien sind viel schwerer zu konservieren als die alten. Eine Papyrusrolle scheint da vergleichsweise dauerhaft.

Unsere Restauratoren setzen sich zum Beispiel seit langem mit dem Problem der Kunststoff-Erhaltung auseinander. Die Produkte ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben einen hohen Kunststoffanteil. Das sind alles Fragen, die ich in die Zukunft stelle. Die Lösungen muss man erst finden. Hätte ich mir auch nicht gedacht, als ich vor 34 Jahren an das Haus kam.

-In welche Richtung müsste es gehen bei den elektronischen Arbeiten? Soll man gar nicht mehr sammeln?

Ein Museum muss sammeln. Und ein Designmuseum spiegelt die Spitzenqualitäten unserer Zeit wider. Man muss nur überlegen, wie man damit intelligent umgeht. Natürlich haben wir das erste iPhone in der Sammlung! Aber was dieses bedeutet, ist zu fragen. Die Hardware ist ja das Wenigste. In 30 Jahren ist die Entwicklung nicht stehen geblieben. Die immer neue Software musst du in eine Hardware integrieren.

- Viele Leute denken ja, dass Software gar nicht zur Gestaltung gehört.

Ja, das ist ein ganz großer Irrtum. Das wird halt nicht bewusst, weil Design stets mit dem Äußeren verbunden wird. Was von jeher falsch war: Design, wenn’s gut ist, geht in die Tiefe. Es hat eine Aussage.

-Was sollte Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger für München und Nürnberg einbringen?

Ich hoffe, dass sie oder er deutlich jünger ist als ich. Ich bin gespannt, worauf diese Generation dann den Akzent setzt. Wir haben eine sehr, sehr hohe Internationalität erreicht. Das ist heute eine absolute Voraussetzung, um agieren zu können. Wenn die gewahrt ist, dann interessieren mich die neuen Denkansätze.

-Aber es wird doch Probleme geben?

Ja. Zum Beispiel das Thema Depot. Depots sind die Ausstellungen in der Zukunft. Ein Designmuseum muss immer in der Gegenwart sammeln. Wir haben ganz aktuell das Problem, dass die Designer der ersten Generation nach dem Krieg nun deutlich über 80 sind. Deren Werke zu sichern, ist entscheidend. Die könnten wir geschenkt bekommen, wenn wir reagieren! Das könnte verloren gehen. Deswegen ist Depotfläche ein ganz, ganz entscheidender Punkt. Das interessiert die Politik aber am wenigsten, weil die Besucher Depots nicht sehen. Sie sind jedoch die Grundlagen jeder musealen Arbeit.

-Was ist das Besondere an Münchens Neuer Sammlung? Wie würden Sie das einem „Neuling“ erklären?

Du siehst zum ersten Mal eine komplette Geschichte des Designs. Das heißt: vom Beginn der Industrialisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart. Das siehst du weder in Paris, geschweige denn im MoMA.

-Also Industriedesign, kein Kunsthandwerk?

Kunsthandwerk haben wir traditionell in unserer Sammlung, weil jedes Stück Industriedesign in Handarbeit entsteht, bevor es dann industriell umgesetzt wird. Der Prototyp ist Handarbeit. Den in beispielhaften Exemplaren zu besitzen, ist uns wichtig. Das gilt von Alessi bis zum Fahrzeug.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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