Der Schrecken der Idylle

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Seit 1923 diente der Obersalzberg Hitler als Feriendomizil. Nach der Machtübernahme der Nazis wurde er zum zweiten Regierungssitz neben Berlin ausgebaut. In der Bergidylle wird bald in einer neuen Schau an das NS-Regime erinnert. Dafür sollten Besucher viel Zeit einplanen.

Neues Ausstellungskonzept auf dem Obersalzberg

Von Kilian Pfeiffer

Berchtesgaden – Ein Kinder-Gasschutzbett, Fotoalben, ein Kopfkissen mit Hakenkreuz und ein Adolf-Hitler-Haus-Schriftzug: Mit mehr als 350 Exponaten will das Institut für Zeitgeschichte künftig am Obersalzberg über die Machenschaften der Nationalsozialisten aufklären. Die Neukonzeption der Dauerausstellung „setzt sich zum Ziel, die enge Verbindung von Hitlers Hausberg mit den Massenverbrechen des NS-Regimes aufzuzeigen“, sagte Dokumentationsleiter Axel Drecoll am Donnerstagabend in Berchtesgaden. Unter dem Leitmotiv „Idyll und Verbrechen“ soll die Ausstellung im Sommer 2020 eröffnet werden. Derzeit wird der Erweiterungsbau im Auftrag des Freistaats Bayern für 20 Millionen Euro errichtet.

Hier, in der Idylle der Berchtesgadener Alpen, unterhielt Hitler seinen zweiten Regierungssitz. Aus dem Führersperrgebiet Obersalzberg wurde die Expansions- und Kriegspolitik des nationalsozialistischen Staates gesteuert, hier fielen zentrale Entscheidungen zu Verfolgung, Massenverbrechen und Völkermord. Drei Kernaussagen sollen diese Verbindung verdeutlichen, eine davon ist der Zusammenhang von Entscheidungen am Obersalzberg und den Entscheidungswirkungen an den Orten, an denen die Nationalsozialisten ihre Verbrechen in die Tat umsetzten: Das Begriffspaar „Täterort und Tatorte“ überschreibt das zentrale Kapitel der Ausstellung.

Eine zweite Kernaussage ist die „fast unerträgliche Diskrepanz zwischen dem idyllischen Regierungssitz vor Alpenkulisse, an den sich die Spitzen des Regimes für ihre Beratungen zurückzogen, und den Verbrechensschauplätzen, an denen überall in Europa und darüber hinaus Millionen von Menschen ihr Leben verloren“, so Drecoll. Kernaussage drei stellt die „Parallelität von schönem Schein, den Verheißungen der Volksgemeinschaft und gelebter Normalität auf der einen Seite, von Diskriminierung, Gewalt und Massenmord auf der anderen“ dar, so der Dokumentationsleiter. Die Gleichzeitigkeit von Alltag, Verfolgung und Verbrechen gehöre zur Normalität des NS-Regimes, von den Wohnsitzen der Regimespitzen auf dem Obersalzberg bis hin zu den entlegensten Winkeln des Reiches.

Um diese didaktischen Leitmotive anschaulich vermitteln zu können, arbeitet die neue Ausstellung mit ausgewählten Biografien, deren Handlungen und Schicksale an Schauplätzen konkret verortet werden können. Wesentliches Merkmal ist dabei auch die Verknüpfung mit Orten in der Region. Dieser exemplarische Zugriff soll die Folgen der NS-Politik im Einzelschicksal deutlich machen, Fragen nach Handlungsspielräumen aufwerfen und den Besuchern Anknüpfungspunkte an die eigene Lebenswirklichkeit bieten. So werden ausgewählte Schicksale, etwa das eines Reichenhaller Arztes mit jüdischen Wurzeln oder mehrerer Berchtesgadener Bürger, im Detail beleuchtet.

Inhaltlich gliedert sich die Ausstellung in fünf Kapitel: Sie beschreiben den historischen Ort, seine Topografie und seine Inszenierung, die Gesellschaft im Nationalsozialismus, Expansion und Krieg, die NS-Verbrechen an ausgewählten Tatorten und den Obersalzberg nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes. Man muss, wie Drecoll sagt, ein ganzes Wochenende einplanen, um wirklich alles zu sehen. Ein durchschnittlicher Besucher werde sich aber nur 75 bis 90 Minuten in der Ausstellung aufhalten.

Im Oktober 2017 hatte der Freistaat Bayern den Grundstein für die neue Dokumentation Obersalzberg gelegt. Mit der Erweiterung rüstet sich der Lern- und Erinnerungsort auf dem Obersalzberg für den seit Jahren steigenden Besucherzuspruch: Rund 170 000 Menschen drängen Jahr für Jahr in die Ausstellung über die Geschichte des Obersalzbergs und die Zeit des Nationalsozialismus. Mit der auf 800 Quadratmeter deutlich vergrößerten Fläche, die zusätzlich noch rund 230 Quadratmeter für Wechselausstellungen bietet, war es den Verantwortlichen ein Anliegen, auch die Dauerausstellung neu zu konzipieren.

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