„Meine Güte, das sollen schon 100 Jahre sein?“

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Der Freistaat wird im November 100 Jahre alt. Katharina Dissing hat das schon hinter sich. Die Münchnerin wurde 1917 geboren, sie ist Fan des FC Bayern und sie hat jahrelang für Lotto gearbeitet. Nebenbei hat sie miterlebt, wie Bayern zu dem wurde, was es heute ist. Ein Besuch bei einer topfitten 100-Jährigen.

Katharina Dissing – so alt wie der Freistaat selbst

Von Thomas Radlmaier

Ottobrunn – Als Katharina Dissing auf die Welt kommt, herrscht in Bayern noch der König. Am 20. November 1917 wird sie in Untergiesing als Katharina Hatzelmann geboren. Ziemlich genau ein Jahr später vertreibt der Journalist und Anführer der USPD, Kurt Eisner, mithilfe bewaffneter Soldaten den letzten bayerischen Monarchen Ludwig III. aus München. Der Ein-Mann-Staat ist abgesetzt. Eisner, der erste bayerische Ministerpräsident, verkündet in der Nacht auf den 8. November 1918: „Bayern ist fortan ein Freistaat.“

Katharina Dissing bekommt von der Novemberrevolution natürlich wenig mit. Sie ist damals ein kleines Kind. Aber eines weiß sie noch von der Zeit, als Bayern ein Freistaat wurde: „Es war hart. Meine Eltern mussten richtig rudern. Da hat man gelernt, dass man niemals aufgeben darf.“

Katharina Dissing ist im vergangenen Herbst 100 Jahre alt geworden. Sie gehört zur allerersten Generation des Freistaates Bayern. Und die hatte es wirklich nicht leicht. Sie wird hineingeboren in die Nachkriegszeit, erlebt die große Inflation, die Nazis, den Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau. Nach 1945 schafft Katharina Dissings Generation die Basis dafür, dass sich der Freistaat mausern kann, vom armen Landwirtschafts- zum Industrie- und Wirtschaftsstandort. In hundert Jahren von Handkarren und Lederhose zu Laptop und Lederhose.

An diesen Vormittag sitzt sie im Speisesaal eines Ottobrunner Altenheims. Dort lebt sie seit 17 Jahren. Die 100 Jahre merkt man ihr gar nicht an. Sie braucht weder eine Gehhilfe noch hat sie Probleme, sich an all die Jahrzehnte zu erinnern. Das harte Leben hat sie jung gehalten. Sie erzählt, wie sie zwei Jahre alt war und ihr Papa aus dem Ersten Weltkrieg nach München-Giesing, ins Arbeiterviertel, nach Hause kommt. Im Freistaat müssen damals die meisten Menschen schauen, dass sie über die Runden kommen. Es herrscht Inflation, die bayerische Wirtschaft liegt in Scherben, der Staat ist pleite. Die Notenpresse läuft, bis sie raucht. Die Folge: Eine Semmel habe mindestens eine Milliarde Mark gekostet, sagt Katharina Dissing. „Zu Hause hatten wir eine ganze Truhe voller Geld.“ Alles wertlos.

Ihr Opa tauscht damals seine goldene Taschenuhr im Pfandhaus ein, um seinen Obst- und Gemüseladen in einem Giesinger Hinterhof zu finanzieren. Die Waren holt er regelmäßig in der Großmarkthalle, mit einem Handkarren, den er vom Laden nach Sendling zieht. Vier Kilometer sind das, zwei hin, zwei zurück. Sauanstrengend muss das gewesen sein. Auf dem Karren sitzt Katharina Dissing, damals ein Kind. „Meine Güte“, sagt sie und schlägt die Hände vors Gesicht. „Man kann es gar nicht begreifen, dass das schon 100 Jahre sein sollen.“

Das, was Katharina Dissing erlebt hat, reicht für drei Leben. Man muss sich das mal vorstellen: Insgesamt über ein Dutzend verschiedene bayerische Ministerpräsidenten waren zu ihren Lebzeiten an der Macht. Bald kommt ein weiterer hinzu. Dass mal einer dieser Herrschaften, nämlich Horst Seehofer, den Freistaat mit dem Paradies auf Erden vergleicht, hätte Katharina Dissing als Kind wohl für eine Spinnerei gehalten. In dem Bayern, in dem sie aufgewachsen ist, folgt eine Krise auf die nächste. Doch, sagt sie, sie habe in ihrem Leben immer einen Weg gefunden – trotz aller Widrigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte. Vielleicht ist auch deshalb ihr Lieblingsministerpräsident Franz Josef Strauß. Der CSU-Übervater ist nur zwei Jahre vor ihr geboren. „Den Franz Josef haben wir geliebt. Der hat gesagt, wo es langgeht.“

Als im Krieg die Bomben auf München fallen, flieht Katharina Dissing aus der Stadt. Da ist sie schon verheiratet und Mutter eines kleine Sohnes. „Das war zu gefährlich“, sagt sie. Sie hat Glück. Sie und ihr Mann haben Ende der 1930er-Jahre in Riemerling im Südosten Münchens ein Grundstück mit einem Wochenendhaus gekauft. Nach dem Krieg bauen sie sich dort die Zukunft auf. Sie gründen trotz aller Schwierigkeiten in der Zeit eine Familie.

Anfangs ist es hart. Es gibt keine Arbeit. Katharina Dissings Mann ist noch in Kriegsgefangenschaft. Sie zupft Unkraut bei den Bauern in der Umgebung. Dafür bekommt sie ein paar Kartoffeln. Für Brot- und Kleidermarken muss sie zu Fuß nach Hohenbrunn ins Rathaus laufen. Der Weg führt mitten durch den Wald, den es heute nicht mehr gibt. Doch es wird besser. Als ihr Mann aus der Gefangenschaft zurückkehrt, findet er eine Arbeit als Handelsvertreter bei einem Textilunternehmen. Katharina Dissing selbst arbeitet für Lotto und wertet Wettscheine aus. Das Ehepaar renoviert das Haus und zieht drei Kinder groß.

Die haben jetzt selber Kinder, die auch schon wieder Kinder haben. Mit ihrem Enkel und ihrer Tochter hat Katharina Dissing einmal eine Führung durch die Allianz Arena gemacht. „Das wollte ich unbedingt sehen“, sagt sie. Sie ist nämlich glühender Bayern-Fan und verfolgt jedes Wochenende die Bundesliga-Spiele des FC Bayern. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit für eine gebürtige Giesingerin. Sie erinnert sich gut daran, wie ganz Giesing Ende der 1920er-Jahre vibrierte, wenn die Sechzger sonntags bei einem Spiel im Grünwalder Stadion siegten.

Sie lebt damals als Kind mit ihren Eltern in einem Block unten am Giesinger Berg. Das Stadion ist nicht weit. Die Jubelschreie der Löwen-Anhänger beschallen das ganze Viertel. „Das war so laut, dass wir Kinder in der Wohnung die Arme nach oben rissen und riefen: Tooor! Aber naja, auf einmal haben die Bayern eine größere Rolle gespielt.“ Spätestens seit der ersten Deutschen Meisterschaft des FC Bayern ist sie eine Rote. Also seit 1932. Da gab es den König schon lange nicht mehr und den Kaiser Franz Beckenbauer noch nicht. Ewig her. Und doch wieder nicht.

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare