AUSGRABUNGEN AM MARIENHOF ZEIGEN: SCHON LANGE VOR 1158 GAB ES IM HEUTIGEN STADTZENTRUM EINE GRÖßERE SIEDLUNG

Jetzt ist es amtlich: Die Stadtgründung war gar keine

Als in Deutschland noch Ritter kämpften, Könige herrschten und Fürsten regierten, wurde München das erste Mal urkundlich erwähnt: 1158 – die Geburtsstunde der Stadt.

Aber was war davor? war die Gegend vorher unbesiedelt?

Natürlich nicht. Was Archäologen schon lange wissen, können sie jetzt mit Fundstücken belegen. Unter dem Marienhof, wo derzeit für die Zweite Stammstrecke gebaggert wird, fanden sie Hinweise auf eine Siedlung, die schon vor 1158 existierte.

„Das ist kein alltägliches Ereignis“, sagt Dr. Hubert Fehr, stellvertretender Referatsleiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Was so besonders ist, wirkt zuerst ganz unscheinbar: graue, abgebrochene Keramikscheiben aus alten Kochtöpfen, kaum ein paar Zentimeter groß – dafür aber mit großer Bedeutung: „Anhand von Form und Material können wir erkennen, dass es die Scherben schon vor 1158 gegeben haben muss“, erklärt Fehr. Diese Fundstücke sind älter als München. Es ist eine Sternstunde der Stadtarchäologie – aber warum ausgerechnet jetzt?

Der Marienhof ist ein Bodendenkmal. Und Dr. Hubert Fehr vom Landesamt für Denkmalpflege gesteht: „Am liebsten wäre es uns, wenn es hier gar keine Baustelle gegeben hätte.“ Aber das geht freilich nicht wegen des neuen Tunnels. Der Kompromiss, so Fehr: „Wir graben zumindest alles ordentlich aus.“

Das hat die Grabungsfirma Reve aus Bamberg getan und neben den alten Scherben auch neuere Funde freigelegt. Derzeit ragen die Mauern des alten Wirtschaftsamts aus dem 19. Jahrhundert aus der Baustelle heraus. Entdeckt wurden Dinge wie Essensmarken und Zimmerschilder.

Die deutlich älteren Scherben wurden zwar schon bei Grabungen 2011 und 2012 entdeckt, aber nur sehr vereinzelt. Der Fund jetzt ist größer, dazu fielen den Experten Bodenverfärbungen von alten Häusern auf, die ebenfalls vor 1158 gebaut wurden. Der Archäologe und Fachbauleiter Dr. Christian Behrer sagt: „Wir wissen, dass München 1158 nicht aus dem Boden gestampft wurde – aber jetzt können wir von einer ganzen Siedlung sprechen.“ Er und Grabungsleiter Jonas Friedrich können sich auf noch mehr einstellen: Unter den Resten des alten Wirtschaftsamts wird noch vieles erwartet, das Einblicke in die Vorgeschichte Münchens gewähren soll. kathrin braun

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