Begleiter auf dem letzten Stück des Wegs

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In den vergangenen zehn Jahren hat sich in Bayern viel getan bei der Begleitung todkranker Menschen. Doch auf die Herausforderungen der Zukunft ist das Palliativsystem noch nicht vorbereitet. Die Paula-Kubitschek-Vogel-Stiftung will das ändern. Auf ihre Unterstützung sind viele Einrichtungen angewiesen.

Palliative Versorgung in Bayern

Von Katrin Woitsch

Polling – Zu Karlheinz Gaisbauers Beruf gehört es, Wünsche zu erfüllen. Er leitet das Hospiz Pfaffenwinkel im Kloster Polling (Kreis Weilheim-Schongau). Die Wünsche, die ihm anvertraut werden, sind fast immer letzte Wünsche. Und meistens sind sie klein. Es geht um Dinge, die ein Leben lang so selbstverständlich möglich waren, dass sie aufgeschoben wurden. Noch einmal auf einem Pferd sitzen. Ein Eishockeyspiel im Stadion sehen. Oder die Dinge, die ein Leben lang Glück bedeutet haben. Spanische Musik, ein gutes Glas Rotwein, das Lieblingsessen. Manchmal müssen Gaisbauer und sein Team kreativ werden. Es kommt nicht oft vor, dass sie einen letzten Wunsch nicht erfüllen können. „Unser Ziel ist es, das Leben bis zur letzten Minute lebenswert zu machen“, sagt er. Todkranke Menschen sollen die Tage im Hospiz als geschenkte Tage empfinden können.

Mehr als 1000 Menschen haben in den vergangenen 14 Jahren ihre letzten Tage in einem der zehn Zimmer des Hospizes Pfaffenwinkel verbracht. Wer dort lebt, ist nicht Patient – sondern Gast. Aufgenommen werden Menschen, die unheilbar krank sind, denen nur noch wenig Zeit bleibt und die unter Symptomen leiden, die stationär behandelt werden müssen. Sie bekommen Medikamente, die ihnen die Schmerzen und Krankheitssymptome so weit nehmen, dass sie sich auf den letzten Abschnitt ihres Weges konzentrieren können. „Das ist eine Lebensphase, die sehr intensiv ist“, sagt Gaisbauer. In der es meist um existenzielle Fragen geht. In der die meisten Menschen nicht nur medizinische, sondern vor allem seelische Begleitung brauchen. Der Aufenthalt im Hospiz ist für sie kostenlos. Den Großteil der Kosten übernehmen die Krankenkassen, den Rest finanziert der 969 Mitglieder starke Hospizverein Pfaffenwinkel über Spenden.

Unterstützt wird der Verein von der Paula-Kubitschek-Vogel-Stiftung, die den Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung in Bayern seit ihrer Gründung vor zehn Jahren wesentlich mit vorangebracht hat. Ihr Ziel ist eine flächendeckende Versorgung für Sterbenskranke – stationär und ambulant. „Es gibt noch immer Lücken“, sagt Anne Rademacher, die Geschäftsführerin der Stiftung. Besonders in Oberbayern. Hier fehlen aktuell 23 Hospizplätze. Das klingt nicht nach viel, sagt Rademacher. Außer man weiß, dass nach dem Versorgungsschlüssel ein Hospizplatz pro 60 000 Einwohner gerechnet wird. „Die Frage ist auch, ob diese Rechnung langfristig aufgeht“, sagt Rademacher. Denn die Gesellschaft wird älter. Noch ist das Palliativsystem nicht auf die Herausforderungen der nächsten Jahre eingestellt. Zwar gibt es in den meisten Krankenhäusern Palliativstationen. „Gerade in vielen Pflegeheimen gibt es aber noch viel zu tun“, sagt Rademacher. Sie sind personell schlecht besetzt und haben oft keine Mitarbeiter mit Palliativ-Ausbildung. Eine weitere Herausforderung sind schwerkranke Menschen mit geistiger Behinderung. „Nach der Euthanasie während der Hitlerzeit kommt nun die erste Generation geistig behinderter Menschen in ein hohes Alter“, erklärt Rademacher. „Besonders für sie ist es wichtig, in ihrer letzten Lebensphase nicht aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen zu werden.“ Dasselbe gilt für Demenzkranke. Doch die meisten betreuenden Einrichtungen sind auf eine palliative Betreuung nicht eingestellt. Das will die Paula-Kubitschek-Vogel-Stiftung ebenfalls ändern – mit entsprechenden Schulungen der Pflegekräfte und Betreuer und mit Kooperationen. „Es gibt noch sehr viel zu tun“, betont Rademacher.

Auch weil sich die Einstellung zum Sterben geändert hat. Hospizvereine sind bekannter geworden – und werden häufiger um Hilfe gebeten. Noch vor einigen Jahren haben sich deutlich weniger Menschen dazu entschieden, in ein Hospiz zu gehen, berichtet Renate Dodell, die Vorsitzende des Hospizvereins Pfaffenwinkel. Auch die ambulante Versorgung hat deutlich zugenommen. „95 Prozent der Menschen wünschen sich, zu Hause sterben zu dürfen“, sagt sie. Der ambulante Hilfsdienst im Pfaffenwinkel bekommt mehr als 700 Anfragen pro Jahr. Die Arbeit der Mitarbeiter und Ehrenamtlichen hat sich in den vergangenen Jahren herumgesprochen. Und das ist wichtig, betont Dodell. „Wir leben von den kleinen Spenden der Leute, die uns unterstützen wollen und uns vertrauen“, sagt sie. Um im Jahr kein Minus zu machen, ist der Verein auf 200 000 Euro Spenden angewiesen. „Das schaffen wir nicht jedes Jahr“, sagt Renate Dodell.

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