Zwischen zwei Welten

Holger Ruppert - Gebärden-Dolmetscher bei Neujahrsempfang

Zwischen zwei Welten

420.01.10|Rosenheim StadtFacebook
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Rosenheim - Über 700 Gäste kamen zum Neujahrsempfang der Oberbürgermeisterin ins Kultur- und Kongresszentrum, darunter auch Mitglieder des Gehörlosenvereins. Damit auch sie die Ansprache des Stadtoberhauptes und den filmischen Rückblick verstehen konnten, engagiert die Stadt seit einigen Jahren den Gebärden-Dolmetscher Holger Ruppert. Der versteht sich als "Vermittler zwischen zwei Welten" und weiß dabei ganz genau, wie sehr sich die Welt der Hörenden von der der Gehörlosen unterscheidet: Er kommt aus einer Familie, in der Vater, Mutter und Schwester nicht hören können.

Wenn Holger Ruppert arbeitet, wirbeln seine Hände durch die Luft. Manchmal sieht es aus, als würde er Bilder malen oder einen Tanz aufführen. Was für Gehörlose die einzige Möglichkeit ist, sich zu verständigen, fasziniert oftmals die Hörenden. "Sie staunen nicht selten über diese ästhetische Ausdrucksweise mit der starken Mimik und Gestik", so seine Erfahrung.

Für Ruppert ist diese außergewöhnliche Sprach-Form nichts besonderes: Schließlich wuchs er damit auf und kommunizierte auf diese Weise von klein auf mit Vater, Mutter und Schwester. Wenn Ruppert heute nach seiner Muttersprache gefragt wird, gibt er nicht Deutsch an, sondern die Gebärdensprache.

Alles kann man damit erzählen. Es gibt mittlerweile Gedichte in Gebärdensprache und Computer- und Internetkurse. Selbst komplizierteste wissenschaftliche Themen lassen sich in Gebärden ausdrücken. Verwendet wird diese Ausdrucksform schon seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt.

Dass seine Familie "anders" ist als die "Welt da draußen" ist dem heute 34-Jährigen erst als Schulkind aufgefallen. "Für mich war und ist das ganz normal. Das Sprechen mit Lauten lernte ich von der Außenwelt und vom Fernsehen, die Gebärdensprache von meiner Familie", erinnert sich der Gebärden-Dolmetscher. Damit sei er eben zweisprachig aufgewachsen, was eigentlich in der heutigen Zeit überhaupt nichts mehr Außergewöhnliches sei.

Vor einigen Jahren eröffnete Ruppert in München die erste Gebärdenschule Bayerns, und dort gibt er jetzt sein Wissen auch an Hörende weiter, denn auch von ihnen wollten immer mehr die Gebärdensprache lernen.

Für die Gehörlosen ist das ein weiterer Meilenstein. Lange Zeit wurden sie kaum in die Gesellschaft integriert. "Dieser Sinnesverlust trennt einen Gehörlosen von seinen Mitmenschen", meint Ruppert. Darum hätten die Gehörlosen nach und nach ihre ganz eigene Sprache und eigene Kultur gefunden.

Gebärdensprache erst 2002 anerkannt

Erst im Zuge der Gebärdensprachbewegung Ende des 20. Jahrhunderts seien gesellschaftliche und politische Veränderungen zugunsten der Gehörlosen vollzogen worden. Gesetzlich anerkannt habe man die Sprache der Gehörlosen erst 2002.

Doch die Integration sei damit noch lange nicht abgeschlossen. "Für die Gleichstellung der gehörlosen Menschen muss noch viel getan werden", meint der Gebärden-Dolmetscher. Positiv seien da Veranstaltungen wie der Neujahrsempfang in Rosenheim. Denn da dürfe er seine Arbeit auf der Bühne ausüben. Das sei in anderen Orten immer noch keine Selbstverständlichkeit: "Oftmals würde man mich und die Gehörlosen immer noch gerne abgetrennt von den anderen Zuhörern sehen."

Trotz seiner langjährigen Erfahrung als Gebärden-Dolmetscher ist Holger Ruppert bei einem Auftritt wie dem Neujahrsempfang aufgeregt. Denn da steht zuerst einmal er im Mittelpunkt. Sogar noch vor dem Auftritt der Oberbürgermeisterin werden die Gäste auf ihn aufmerksam. "Alle Zuhörer sehen erst einmal mich auf der Bühne. Sie halten mich wohl für einen Moderator oder Unterhalter", schmunzelt er.

Doch nach einigen Minuten löse sich die innere Anspannung und er konzentriere sich nur noch auf seine Aufgabe, getreu seiner Vision: "Eine transparente Brücke zwischen der Welt der Gehörlosen und Hörenden schaffen." wu

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