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Barrieren überwinden

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Rosenheim - Tobias, 17 Jahre alt, ist mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen. Benedikt, 14 Jahre alt, geht aufs Gymnasium - Beide haben trotzem eines gemeinsam: ihre Leidenschaft für das Klettern.

OVB

© Schlecker

Bilden eine gut funktionierende Seilgemeinschaft: der am Down-Syndrom erkrankte Tobias (an der Wand) und die nichtbehinderten Kletterer Benedikt (rechts) sowie Johannes (Mitte).

Das gemeinsame Hobby schweißt den geistig behinderten Tobias und den zukünftigen Abiturienten Benedikt zusammen - dank einer integrativen Kletterschule im Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Rosenheim (BRSV)."Tobias, Du schaffst das!", ruft dem 17-Jährigen ein Chor von aufmunternden Stimmen entgegen. Die halbe Strecke der acht Meter hohen Wand hat Tobias bereits hinter sich, doch jetzt hängt er auf einmal wie gelähmt im Sicherungsseil, das unten von Benedikt und dem ebenfalls nicht behinderten, elfjährigen Johannes gehalten wird. Tobias verlässt der Mut, doch seine Ängste kann er angesichts seiner Sprachstörungen nur schwer in Worte fassen. Benedikt versteht ihn dank wochenlanger Kletterpartnerschaft trotzdem und dirigiert den geistig behinderten Sportkollegen beharrlich weiter - von Griff zu Griff, bis Tobias erst wenige Meter vor dem höchsten Punkt abbricht.

Bald, davon sind alle aus der integrativen Klettergruppe des BRSV überzeugt, wird Tobias es bis ganz nach oben schaffen. "Dann bin ich glücklich", weiß der am Down-Syndrom Erkrankte bereits heute, was er empfinden wird, wenn er den Gipfel der Kletterwand in Fürstätt erreicht haben wird.

Dieses Glücksgefühl haben Caroline und Angelika bereits erlebt. Die beiden Teenager sind sprachbehindert und in ihrer Entwicklung verzögert. Sie besuchen deshalb keine Regelschule. Doch sie können etwas, was ihnen kaum jemand zutrauen würde: Sie knüpfen komplizierte Knoten in dicke Seile, klettern in Windeseile eine steile Wand mit zahlreichen Überhängen hinauf, schaukeln gelassen von ihr herunter oder springen wagemutig ab auf dicke Bouldermatten. Der Stolz auf diese sportlichen Leistungen ist den 16- und 14-jährigen Mädchen im Gesicht abzulesen.

"Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sich etwas zutrauen": Das möchte Übungsleiterin Natascha Lindemann, selber begeisterte Kletterin und ausgebildete Klettertherapeutin, ihren Schülern vermitteln - nicht nur den behinderten, sondern auch den gesunden: Denn auch sie trauen sich anfangs oft nicht zu, mit einem Behinderten im Team einer Seilschaft, in der sich jeder auf den anderen verlassen muss, zu kommunizieren. Teenager wie Benedikt, der als leidenschaftlicher Kletterer die Gruppe ganz pragmatisch als Chance für eine weitere Übungsmöglichkeit angesehen hat, lernen außerdem, ein langsameres Tempo als in einer regulären Sportgruppe zu akzeptieren.

Noch wichtiger als in einer Standard-Übungsstunde sind in der integrativen Sportschule außerdem feste Ablaufstrukturen, die Halt geben. Aufwärmen, Kletterregeln wiederholen, Übungen erklären, trainieren, Pausen einlegen zum Entspannen, wieder trainieren, Resümee des Übungstages ziehen, Elterngespräche beim Abholen: Ergotherapeutin Natascha Lindemann hat ein detailliertes Konzept für ihre beiden Gruppen entwickelt, die sie gemeinsam mit der Physiotherapeutin Heidi Burger leitet. Ihr Ziel ist: "Leben statt jammern", die Behinderung annehmen und das Beste daraus machen. Üben, üben, üben: Das gelte auch für Nichtbehinderte, wenn sie Leistungen im Sport erbringen wollten. "Ein Behinderter muss natürlich oft doppelt so hart dafür kämpfen. Doch auch er kann es schaffen", weiß Natascha Lindemann.

Sie hat erlebt, dass sich sogar ein halbseitig gelähmter Jugendlicher aus dem Rollstuhl heraus von Griff zu Griff hangelt, dass verhaltensgestörte Jugendliche nach den Übungsstunden mit weniger Aggressionen in ihre Familien heimkehren. Buben wie Johannes - gesund, sportlich, intelligent - - haben außerdem erkannt, "dass Behinderte ganz normale Menschen sind, mit denen man sich sogar anfreunden kann".

Natascha Lindemann freut sich über die innerhalb eines Jahres überwundenen Barrieren - aufwärts an der Wand und innerlich in den Köpfen sowie im Herzen. Den Erfolg ihrer Arbeit haben der bayerische Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband und das Sozialministerium anerkannt - mit der Auszeichnung "Erlebte integrative Sportschule" (EISs). Das Markenzeichen würdigt den ganzheitlichen Ansatz, der bewusst nicht an den Schwächen, sondern bei den Stärken Behinderter ansetzt, für einen offensiven positiven Umgang mit Einschränkungen wirbt. Die Nachfrage nach Plätzen in den beiden Rosenheimer Klettergruppen ist groß, Nachwuchssorgen gibt es zum Bedauern von Projektleiterin Natascha Lindemann trotzdem: bei den nichtbehinderten Mitgliedern. Denn Jugendliche wie Benedikt und Johannes, die sich eine Zusammenarbeit mit geistig und körperlich Behinderten zutrauen, sind schwer zu gewinnen.

Oberbayerisches Volksblatt

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