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Olympiareif und doch nicht "dabei"

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Ganz Segeldeutschland schaute zu, als die Form von Tina Lutz (Chiemsee Yacht Club) und Susann Beucke (Hannoverscher Yacht Club) bei den Ausscheidungen zu den Olympischen Spielen 2012 immer steiler nach oben zeigte. Doch sie wurden auf dem Wasser mit allen Mitteln von ihren eigenen Landsleuten auf fragwürdigste Weise bekämpft. Lutz/Beucke lösten zwar das Olympiaticket für Deutschland - nach London fahren werden aber jene kämpferischen Konkurrentinnen Kadelbach/Belcher.

Fotodokument der Unsportlichkeit: Lutz/Beucke werden von der zweiten deutschen Mannschaft am Start abgedrängt. Foto Bayerischer Segelverband

© OVB

Fotodokument der Unsportlichkeit: Lutz/Beucke werden von der zweiten deutschen Mannschaft am Start abgedrängt. Foto Bayerischer Segelverband

Kein Vorgehen im Laufe einer Regatta hat die Gemüter dieses Jahr so erhitzt wie die Olympia-Ausscheidung vor Perth in Australien. Alle olympischen Segelklassen trafen sich dort zur letzten regulären Chance, als bestes deutsches Team in London teilzunehmen - und für Deutschland einen Platz zu sichern. Starker Wind, Haialarm und Gewitter gingen in Anstrengung und Konzentration völlig unter.

Im 470er, einer der wenigen Medaillen für die Frauen, war schon früh im Jahr die Chance reduziert auf zwei Kandidaten: Einmal das sehr junge Team vom Chiemsee mit Tina Lutz (Opti-Weltmeisterin) und ihrer mutigen und kraftvollen Vorschoterin Susann Beucke; und das Berliner Team mit Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher vom Verein Seglerhaus am Wannsee. Drei Regatten definierte der Deutsche Segler-Verband zur Klärung der einzigen deutschen Kandidaten-Mannschaft, sollte ein Platz für die Olympischen Spiele erkämpft worden sein: Der Worldcup im Juni 2011 in Weymouth, Kieler Woche und die Weltmeisterschaft in Perth.

In Weymouth waren Kadelbach/Belcher Neunte und Lutz/Beucke 15. In Kiel trumpften Lutz/Beucke zwar auf den sensationellen zweiten Platz auf, jedoch direkt im Nacken ihre Gegnerinnen. Durch die unterschiedliche Bewertung waren nun die Berlinerinnen nur zwei Punkte in Führung.

Showdown in Perth: Lutz/ Beucke bestachen durch einige Plätze weit vorne (6, 30, 4, 15, 11) und Kadelbach/ Belcher versagten weit über dem 20. und sogar 30. Platz. Schon wurden große Hoffnungen in Deutschland geboren, dass die beiden jungen Seglerinnen nicht nur das Olympiaticket für Deutschland holen würden, sondern vielleicht auch noch so stark gegen die Konkurrenz wären, dass man im Sommer berechtigt mitfiebern könne.

Die abgeschlagenen Konkurrentinnen Kadelbach/ Belcher änderten jedoch ihre Taktik: Würde keine von beiden Mannschaften den Platz bei den Spielen für Deutschland lösen, so wäre die Entscheidung auf einen Sonderfall vertagt - auf die Weltmeisterschaft der 470er in Barcelona im nächsten Frühjahr, wo sich fünf weitere, bis dahin nichtplatzierte Nationen qualifizieren können.

Kadelbach und Schümann sind unter Deutschlands Frauen die Match-Race-Spezialisten. Im Match-Race wird scheinbar destruktiv unter Einsatz komplizierter Regelwerke nur darum gekämpft, dass der Gegner schlechter als man selbst ist. Die Ziellinie ist ganz aus den Augen, nur der Konkurrent zählt.

Am Start des sechsten von zehn Rennen schlugen die Berlinerinnen zu: Sie ließen Lutz/Beucke mit den machtvollen Wegerechtsregeln nach Match-Race-Manier gar nicht erst zum Start. Sie jagten diese einfach zur linken Seite. Die jungen und im Match-Race unerfahrenen Mädchen konnten es gar nicht glauben: Da geht es bei einem Start um Millimeter, um den besten Platz mit den besten Seglerinnen der Welt, um Bruchteile von Sekunden - und sie wurden von ihrer eigenen Teamgefährtin bekriegt, hunderte von Metern und fast schon Minuten vom Start entfernt. Die Chiemseer konnten sich nicht aus der "Umklammerung" lösen.

So ging es weiter bis zum zehnten Rennen. Einmal losgelassen, kamen Lutz/Beucke schnell von den langsamen Kadelbach/Bechtel weg, doch nicht mehr an die Spitze. Die Plätze 33, 34, 25, 49 waren die Folge. Schnell war analysiert, dass zwar alles nach Regeln verlief, aber sonst wohl kein Sportler auf die Idee kommen würde, sein eigenes Team zu sabotieren und damit die Teilnahme der Nation an den Olympischen Spielen in dieser Sportart zu gefährden. Von einem "Dolchstoß aus eigenen Reihen" redeten die Segler.

Lutz/Beucke lernten in Windeseile ein paar Tricks, konnten sich in der letzten Wettfahrt früh aus der Umklammerung lösen und fuhren sofort wieder einen neunten Platz (damit gesamt 20.) und damit auch in letzter Sekunde den benötigten Nationenplatz für Deutschland ein. Loyal, denn sie hätten auch einfach zurückziehen und auch auf die risikoreiche Barcelona-Chance setzen können. So entschieden sich die jungen Seglerinnen für eine Charaktertat, denn sie wussten, dass sie zwar den Nationenplatz holten - jedoch nicht für sich selbst. Sie kamen nicht mehr weit genug im Gesamtergebnis nach vorne, um die zwei Punkte gegenüber Kadelbach/Belcher aufzuholen. So fahren nun die beiden Berlinerinnen mit einer Fahrkarte zu den Olympischen Spielen, die sie selbst mit allen Mitteln bekämpft haben. blu

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