Wer dieses Abenteuer wagt, muss Zeit mitbringen. Drei Monate dauert die Kanu-Tour auf der Donau. Einziger Luxus neben einem kleinen Boot ist die atemberaubende Natur einer Flusslandschaft.

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Die Kajakfahrer nehmen an der Internationalen Donauregatta TID über 2800 Kilometer teil, für die die Teilnehmer rund drei Monate benötigen.
Was bringt gut situierte Menschen dazu, ihr bequemes Zuhause zu verlassen, um ein Nomadenleben an der Donau zu führen? Im Extremfall kann ihre Fluss-Tour drei Monate dauern. Es sind bis zu 2800 Kilometer, die manche der Männer und Frauen mit ihren Kanus auf der Donau unterwegs sind - von Deutschland bis zur Mündung am Schwarzen Meer in Rumänien.
Viele haben nur ein Minizelt dabei, und nur ein Minimum an Kleidung. Sengende Hitze wechselt sich ab mit prasselndem Regen und peitschendem Wind. Warum tauschen diese Leute ihre modernen Badezimmer zu Hause gegen notdürftige Toiletten und kalte Duschen am Fluss?
“Naturerlebnis pur“ sei es, sind sich die Teilnehmer der “Tour International Danubien“ - kurz TID - einig. Die wohl “längste Kanu- und Ruderfahrt der Welt“ wird in diesem Jahr zum 55. Mal ausgetragen.
Richtig los ging es am 26. Juni im bayerischen Ingolstadt, als sich 160 Boote auf den Weg donauabwärts machten. Mit dabei bis Passau: Seniorin Helma Rinckleben aus Marburg an der Lahn, die es auch mit 90 Jahren noch einmal wissen wollte. “Die meisten fahren Etappen von zwei bis vier Wochen und schaffen die ganze Strecke in drei bis vier Jahren“, erzählt der deutsche Tourorganisator Max Scharnböck vom Deutschen Kanuverband.
“Bei Ankunft an ihrem Etappenziel sagen viele 'Nie wieder! Warum tu ich mir das an?'“, hat der pensionierte Kriminalbeamte aus Landshut beobachtet. “Aber das sind die Ersten, die sich fürs nächste Jahr wieder anmelden.“
Zwischen den Kleinzelten sind Leinen gezogen - mit tropfnasser Wäsche dran. Einige Teilnehmer gönnen sich ein Hotel in der Stadt, um mal wieder “Mensch zu werden“. Die meisten hier sind im südungarischen Mohacs in die Tour eingestiegen und wollen bis zum Schwarzen Meer.
“Ich habe mein ganzes Berufsleben von so einer Tour geträumt“, schwärmt Paul-Dieter Ohrt aus dem Norddeutschen Flensburg. Er war früher Vermessungsingenieur bei der Landesverwaltung Schleswig und hat seit seiner Pensionierung mehr Zeit. “So viel Urlaub hat man ja nicht“, spricht er eines der Hauptprobleme dieser “Donau-Wanderfahrt mit Gepäck“ - so der offizielle Name - an.
Einige “Exoten“ kommen aus Australien, den USA, Israel, ja selbst aus Mexiko. Die Australierin Jenny-Lee Stefas war im letzten Jahr von dem Teilstück Deutschland-Österreich so begeistert, dass sie in diesem Jahr ab Ungarn mitfährt. “Ich sehe zum ersten Mal das Eiserne Tor“, freut sie sich.
Landschaften der Superlative sind für die Flusswanderer auch der Donaudurchbruch bei Weltenburg in Niederbayern, die sogenannte Schlögener Schlinge und das Wachau-Tal in Österreich sowie natürlich das riesige Donaudelta. “Faszinierend am Ende der Fahrt: Nach der letzten Kurve sieht man nichts mehr vom Fluss, der sich im Meer aufgelöst hat. Nur noch Wasserfläche! Man ist ein bisschen traurig, dass Schluss ist, aber natürlich total stolz, dass man es geschafft hat.“ So beschreibt Günther Römer, der schon seit 15 Jahren dabei ist, seine Eindrücke jeweils nach der Schlussetappe in dem rumänischen Fischerdorf Sfantu Gheorghe am Schwarzen Meer. “Beeindruckend sind auch am Anfang des Deltas die zehn Stockwerke hohen Frachtschiffe, die hier wegen der fehlenden Brücken fahren können“, erzählt der 72-Jährige aus Gießen an der Lahn.
“Da wir einem noch einmal vor Augen geführt, wie winzig klein wir in unseren Booten sind.“ Ja, die Boote, die sind eine Wissenschaft für sich! Die Kajaks werden mit einem Doppelpaddel bewegt, erklären die TID-Experten. Weil sie von den Eskimos stammen, nennt man eine gewollte oder ungewollte ganze Drehung “Eskimorolle“.
Die “Kanadier“ wurden von den Indianern gebaut und verfügen über einen Steckpaddel. Es gibt starre Boote zwischen 1500 und 2500 Euro Anschaffungspreis und die aufwendigeren Faltboote zwischen 3000 und 4000 Euro. Die Faltboote kann man bei Auto- und Bahnreisen als Gepäck mitnehmen. Die starren Kajaks können nur mit einem speziellen Anhänger transportiert werden. Und dann sind da noch die Ruderer, die mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzen. “Die sehen die Kneipe erst, wenn sie schon vorbei ist“, spötteln die Paddler. Nach dem Ruhetag in Belgrad macht das Ehepaar Rosi und Jens Zumbeck die beiden Kajaks klar.
Vorsichtig werden sie von den Bootswägelchen, die “an Deck“ verstaut werden, ins Wasser gelassen. Jens hat es im letzten Jahr auf diesem Donauabschnitt so gut gefallen, dass er in diesem Jahr seine Frau überredet hatte mitzufahren. “Sonst ist ja die Ostsee und die Flensburger Förde unser Hausgebiet“, sagt die Frau, die inzwischen bis zum Oberschenkel im Fluss steht und das letzte Gepäck verstaut. Georg Michalowski kommt aus Oberhausen in Nordrhein-Westfalen, fährt seit 1988 immer bis Mohacs und will jetzt erstmals zum Schwarzen Meer.
Er paddelt gemeinsam mit Siegried Straub aus Donauwörth in Bayern. Das Kajak “Teufelchen“ aus Düsseldorf geht unplanmäßig stiften, wird aber schnell von anderen Leute wieder eingefangen. Christian Lang kommt aus dem Wiener Stadtteil Wieden. Nach seiner Pensionierung als selbstständiger Transportunternehmer erfülle er sich jetzt einen Traum, sagt er.
Die 125 Boote fahren nicht im Pulk. Jeder fährt, wann er will und mit wem er will. Es gibt nur eine grobe Zeitvorgabe, wann man am nächsten Etappenort ankommen muss. In der Regel schließen sich drei oder vier Boote als Team zusammen. Vorschriftsmäßig flattern hinten kleine deutsche Wimpel oder Fähnchen. Vorn wird die serbische Fahne des Gastlandes gehisst. “Wir treffen uns zwölf Stromkilometer abwärts“, gibt einer die Marschroute aus. “Dort hat uns der Gastwirt einen guten Pflaumenschnaps versprochen!“ Für die 14 Tagesetappen in Serbien ist Organisator Dejan Jovanovic vom nationalen Kajakverband verantwortlich. Monatelang hatte er mit Bürgermeistern und Tourismusverbänden, mit der Polizei und Behörden verhandelt.
Denn an den jeweiligen Etappenzielen gibt es selten gut ausgestattete Campingplätze. Es müssen Chemietoiletten ebenso herbeigeschafft werden wie zu Duschen umfunktionierte Gartenschläuche, erklärt der Mann seine Arbeit. Er bemüht sich, die örtlichen Politgrößen dazu zu bewegen, für die Tourteilnehmer etwas auf die Beine zu stellen - einen kleinen Empfang samt einer Runde Schnaps hier, kostenloses Übernachtungsgelände dort, ein kleines Volksfest an einer anderen Stelle.
In Bulgarien kümmert sich sogar das Militär um die “Donau- Schiffer“, ist der deutsche Organisator Scharnböck schwer beeindruckt. “Die bauen auf allen Etappen provisorische Campingplätze mit einem Stromaggregat, Toiletten und Duschen auf.“ Wenn die Behörden keinen Imbiss spendieren, gibt es für alle Tourteilnehmer ein schlichtes Abendessen. Das ist in den 400 Euro Teilnahmegebühr eingeschlossen. Daneben müssen sich alle selbst versorgen. Weder Hitze, Wind, Regen oder die Mücken können die Kajakfahrer am nächsten Tag aufhalten.
Es wird streng nach Tourenplan gefahren. Große Wechsel sind in Mohacs, Kladovo an der serbisch-rumänischen Grenze, in Silistra in Bulgarien und Tulcea in Rumänien am Eingang zum Donaudelta möglich. Ein Reisebus samt Bootsanhänger bringt neue Teilnehmer aus Deutschland und Österreich. Rückkehrer werden im Gegenzug nach Hause geschafft. Wer bei dem begrenzten Platz leer ausgeht, muss An- und Abreise selbst organisieren. Vom Schwarzen Meer geht es dann ab dem 10. September mit einem großen Transportschiff und dem Bus ab Tulcea zurück nach Deutschland. Dort warten später die vor vielen Wochen abgestellten Privatautos. Einige seien dann immer zugewachsen, heißt es.
Thomas Brey, dpa
Deutscher Kanu-Verband unter www.kanu.de
Alle Infos zur Internationalen Donauregatta TID. Von der 2800 Kilometer“Tour International Danubien“



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