029.12.10|Deutschland|Deutschland|8
Drucken|Empfehlen|Schrift
a
/
A||recommendbutton_count130
Bad Hersfeld - Es sind hochgiftige Stoffe: Arsen, Dioxin, Furan, Zyanid oder Quecksilber. 2,75 Millionen Tonnen verseuchter Müll lagert in einer Untertagedeponie in Hessen. Es ist der giftigste Ort der Welt.

© K+S AG/dapd
Arbeiter errichten in der Untertagedeponie in Herfa-Neurode vor Fässern mit belasteten Abfällen eine Abmauerung.
Wer zum giftigsten Ort der Welt will, ruckelt in einem vergitterten, abgegriffen wirkenden Lastenaufzug in die Tiefe. Nirgendwo lagern so viele hochgiftige Abfälle wie in der Untertagedeponie (UTD) Herfa-Neurode in Nordhessen. Hier liegen mittlerweile 2,75 Millionen Tonnen Müll, in dem vor allem Arsen, Dioxin, Furan, Zyanid oder Quecksilber enthalten ist. Allein die Menge Arsen würde reichen, um die gesamte Menschheit zu töten.
Der stillgelegte Teil des Kalisalzbergwerks bei Bad Hersfeld ist ein gigantischer Sammelplatz für die gefährlichsten Überreste industrieller Produktion. Die Betreiberfirma, eine Tochter des börsennotierten Bergbauunternehmens K+S, betont, dort unten in 500 bis 800 Meter Tiefe seien die Abfälle sicher - nur dort. Kritiker warnen dagegen vor Wassereinbrüchen aus angrenzenden Bergwerksbereichen.
Jahn stoppt sein Fahrzeug am Probenraum, ein besonderer Showroom: Er gehört zum Deponiefeld 2, das bald an seine Kapazitätsgrenze stoßen wird. 70.000 Proben eingelagerter Stoffe sind hier säuberlich in langen Regalen in Glasfläschchen archiviert: “Hier findet sich alles Hochgiftige aus der Hightech-Produktion - von der Pharmaindustrie bis zur Solarzellenherstellung“, sagt Jahn und hält ein Fläschchen hoch, das er Besuchern gerne zeigt, weil darin ein grell pinkfarbenes Pulver schimmert. Es sind Überreste eines Umweltskandals: “Ein Pflanzenschutzmittel, das 1991 ins Ausland entsorgt werden sollte und schließlich aus Rumänien zurückgeholt wurde“, erläutert Jahn. Giftmüllschieber. Die UTD hat viele solcher Skandale geschluckt: Quecksilberhaltige Abfälle aus dem Chemiekombinat Bitterfeld der DDR etwa oder die mit Dioxin verseuchten “Kieselrot“-Bodenbeläge, eine Schlacke, die jahrzehntelang auf Fußball- und Tennisplätzen ausgebracht war.
“Es gibt aber auch klare Richtlinien dafür, welche Stoffe wir nicht annehmen“, sagt Jahn. Alles, was radioaktiv, explosiv, selbstentzündlich, selbstgängig brennbar, infektiös, ausgasend, flüssig oder Volumen vergrößernd ist, müsse draußen bleiben. Zudem werde bei der Anlieferung streng kontrolliert, Proben gezogen, ein Stoffabgleich mit den Begleitpapieren gemacht.
Das sieht Johannes Woth, Vorsitzender der Nachbarverwaltungsgemeinschaft von Heringen im thüringischen Berka/Werra, ganz anders. Das Kalibergwerk Werra dehne sich östlich des Standortes der Untertagedeponie weiter aus. Und von dort drohe die größte Gefahr für ein Salzbergwerk: “Auf der thüringischen Seite des Bergwerkes dringen bis zu 50.000 Kubikmeter Wasser im Jahr ein“, sagt Woth und beruft sich auf Angaben eines Thüringer Ministerialbeamten. Weil es eine unterirdische Verbindung zu den hessischen Abbaufeldern und der Deponie gebe, bestehe die Möglichkeit, dass auch in die UTD Wasser eindringen könnte. Die Abfälle müssten dann ausgelagert werden“, warnt Woth.
Das hält der K+S-Mann Volker Lukas für widerlegt: Für die UTD sei berechnet worden, dass die gesamte Anlage für 10.000 Jahre als sicher gelten könne. “Es gibt einen sogenannten Langzeitsicherheitsnachweis.“ Ein System von Barrieren soll garantieren, dass die in den leergefrästen Bergwerks-Salzstollen eingelagerten Abfälle nicht mehr in die Biosphäre gelangen können, also in oberirdische oder oberflächennahe Luft, Boden und Wasser. Neben einer über der UTD liegenden 300 Meter starken, gasdichten Salzschicht und darüber einer 100 Meter starken, wasserdichten Tonschicht gebe es noch künstliche Barrieren, erklärt Lukas: Salzdämme und Ziegelmauern zwischen den Abfallkammern, eine dichte Schachtverfüllung für die Zeit nach Beendigung des Betriebes und schließlich Verpackungen aus Stahlcontainern, -fässern und großen Säcken aus Spezialkunststoff.
Noch ist die Entsorgung ein kleiner Geschäftsbereich der K+S. 2009 betrug der Anteil am gesamten Umsatz der Gruppe von 3,57 Milliarden Euro lediglich 67,2 Millionen Euro. Doch geeigneter Deponieraum für hochgefährliche Abfälle wird weltweit knapper. Auf einem Kongress Ende November in Braunschweig informierten sich Vertreter aus Lateinamerika, Europa und Asien über das Entsorgungskonzept UTD. Die K+S ist vorbereitet: “In der UTD werden jährlich bis zu 40.000 Tonnen Abfälle eingelagert, pro Tag werden 62.000 Tonnen (28.000 Kubikmeter) Salz abgebaut, und das eventuell noch 40 Jahre lang“, rechnen Lukas und Jahn vor und bekommen glänzende Augen. “Das wären 400 Millionen Tonnen - das 145-fache der bislang eingelagerten Abfallmenge.“ Eine Tonne Abfall einzulagern kostet 260 Euro. Momentan.
Peter Leveringhaus (dapd)
zurück zur Übersicht: Deutschland

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

