Hans-Josef Fell studierte Physik, als in den 70er Jahren die Ölkrise die Welt erschütterte und er sein Lebensthema fand. Seitdem kämpft er für die vollständige Abkehr von fossilen Energieträgern und den Ausstieg aus der Atomkraft. Dafür setzt sich der Grünen-Bundestagsabgeordnete als energiepolitischer Sprecher seiner Fraktion nicht nur politisch ein, sondern auch privat: Er lebt mit seiner fünfköpfigen Familie in einem Holzhaus mit Grasdach, das seinen kompletten Energiebedarf aus erneuerbaren Energien bezieht.

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Hält den kompletten Ausstieg aus der fossilen und atomaren Energieerzeugung bis 2030 möglich: Hans-Josef Fell. Fotos Ziegler
Rosenheim - Fell hat wie kein anderer die deutsche Energiepolitik des letzten Jahrzehntes geprägt. Er ist Autor des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG), das im Jahr 2000 in Kraft trat und in Deutschland einen Boom bei der Nutzung von Sonnenkraft, Biogas und Windenergie auslöste. Der 59-Jährige hält den kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien bis 2030 für möglich, wie er im Gespräch mit der Redaktion erklärte.
Für ihn ist der Umbau der Energieversorgung nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes notwendig, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen unvermeidbar, da die Preise für fossile und atomare Energieträger weiter steigen werden: "Seit 2010 ist die Stromerzeugung aus Fotovoltaikanlagen billiger als die aus einem Atomkraftwerk", erklärt Fell. Und das Ende der technologischen Entwicklung sei noch längst nicht ausgereizt: "Es hat eine Technikrevolution stattgefunden, dank der Deutschland heute der größte Exporteur von Energietechnik ist." Die Entwicklung der Technik befördere die Ökologisierung der Welt. "Viele in der Welt werden uns kopieren", ist sich Fell sicher. Schon heute sei China der größte Investor in Sachen Windkraft.
Das Argument, dass die erneuerbaren Energien nur dank Subventionen bestehen könnten, lässt Fell nicht gelten. Dies sei im konventionellen Energiesektor viel schlimmer: "Hochsubventioniert sind doch die konventionellen Energien. Das richtige Geld bekommt Uralt-Technologie wie die Atomkraft." Fell gibt zu bedenken: "Wir nehmen, ohne uns Gedanken darüber zu machen, Braunkohlestrom aus der Steckdose und sehen nicht die 20 mal fünf Kilometer großen Löcher, die die Bagger in der Lausitz graben." Dort werde Heimat buchstäblich zerstört, Dörfer und Kirchen würden vom Erdboden verschwinden.
Natürlich gebe es auch bei Windrädern vereinzelt Probleme: "Doch wir streiten hier um optische und ästhetische Fragen. Über die ökologische Notwendigkeit kann man nicht streiten. Wir kommen um Windräder ganz einfach nicht herum." Wenn es Probleme mit Schattenwurf und Rotorenlärm gebe, sei dies auf Fehler aus der Vergangenheit zurückzuführen, die heute dank modernster Technik und neuen Vorschriften im Genehmigungsverfahren so nicht mehr stattfinden könnten.
Die Ängste, dass die Landschaft zugepflastert wird mit Windkraftanlagen, seien unbegründet. Für eine Vollversorgung mit Windenergie würden zwei Prozent der Gemeindeflächen ausreichen, rechnet Fell vor. Bürgerakzeptanz für die Windkraft ließe sich schaffen, wenn die Investitionen aus der Bürgerschaft selbst kommen und kein Investor von außen auftrete. "Aus der Bürgerschaft heraus ist es auch leichter, den optimalen Platz zu finden", so Fell mit Verweis auf Beispiele in Franken.
Fell hat noch ein weiteres Beispiel parat, wie staatliche Regularien lenkend eingesetzt werden - der Trend zu Biogasanlagen. Nicht erwünscht sei allerdings die damit einhergehende massive Ausweitung von Maisanbauflächen: "Das ist ein großer Fehler, der sich auch negativ auf die Klimabilanz auswirkt." Verantwortlich dafür sei eine Novelle des EEG, die die Verwendung von Mais wirtschaftlich belohne. Nun wird dies eine erneute Novelle des Gesetzes zum 1. Januar 2012 wieder ändern: "Eine Biogasanlage nur mit Mais zu füttern ist dann nicht mehr möglich." Der ökologisch sinnvoll Weg, Biogasanlage mit hochdiversem Bio-Material zu betreiben, lohne sich dann auch wirtschaftlich.
Fell ist zwar von der Notwendigkeit des Umbaus der Energieversorgung überzeugt, warnte allerdings davor, den Erfolg als Selbstläufer zu betrachten: "Es muss eine Technologieunterstützung durch die Politik geben", so Fell. Er verwies auf China, wo die Produktion von Windkraft und Fotovoltaik massiv subventioniert werde.
Bis zum Jahr 2030 ist der Umstieg auf erneuerbare Energie zu 100 Prozent möglich, ist Fell überzeugt: "In den 90er-Jahren prophezeite man für heute, dass höchstens vier Prozent der Energieerzeugung aus regenerativen Quellen stammen könnten. Tatsächlich sind es aber bereits 17 Prozent. Die Prognosen wurden stets übertroffen."
Wie wird die Energieversorgung der Zukunft aussehen? "80 Prozent der erzeugten Energie wird aus der Region kommen", so der 59-Jährige. Entscheidend werde die Vielfalt mit Windkraft, Biogas, Geothermie, Fotovoltaik und Wasserkraft sein. Doch das allein werde nicht ausreichen. "Um die starken Fluktuationen bei der Stromerzeugung auszugleichen, brauchen wir auch dezentrale Speicher, etwa Pumpspeicheranlagen."
Die verbleibenden Atomkraftwerke könnte man 2015 bis 2017 abschalten, "wenn man mit den erneuerbaren Energien Gas gibt. Aber die aktuelle Regierung bremst", bedauert der Grünen-Politiker. Von der Idee, Atomkraftwerke in Bereitschaft zu halten, um sie bei Bedarf einzuschalten, hält Fell gar nichts: "Ein AKW braucht 40 Tage Anlaufzeit und ist daher ungeeignet, um kurzfristige Schwankungen auszugleichen." Sinnvoller seien Kraftwerke, die mit Pflanzenöl betrieben werden, die man auch kurzfristig zuschalten könne.
Fell weiß, dass der Weg nicht einfach ist. Doch er sieht keine Alternative: "Es wird Konflikte geben, die wir lösen müssen."
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