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Mühldorf/Las Vegas: Von der Kraft zu überleben

Von der Kraft zu überleben

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Mühldorf/Las Vegas - Heute vor 65 Jahren kletterte KZ-Häftling Stephen Nasser in den Todeszug aus dem Bunkergelände im Mühldorfer Hart: völllig erschöpft, 30 Kilogramm leicht und gerade einmal 14 Jahre alt. Seine Erinnerungen hat der gebürtige Ungar vor sieben Jahren aufgeschrieben und in Amerika als Buch veröffentlicht. Nun hat sie ein ehemaliger Englischlehrer ins Deutsche übersetzt.

OVB

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Die Erinnerung an seinen Bruder hielt ihn am Leben: Stephen Nasser.

Lange hat Stephen Nasser gewartet, um sich seine Erinnerungen von der Seele zu schreiben, über ein halbes Jahrhundert lang. Herausgekommen ist "My Brother's Voice", die Geschichte eines ungarischen Jungen, der im Außenlager Mühldorf den Holocaust überlebt hat: mit Mut, Glück und einem unglaublichen Lebenswillen.

Der pensionierte Englischlehrer Heinz Bickert hat das Buch zufällig in die Finger bekommen, als er 2004 in Amerika Freunde besucht hat. Über sie lernte der Hesse den Autor kennen, war beeindruckt von seinen Erzählungen, von den Gesprächen über Versöhnung und von der Biographie dieses Mannes, die in Budapest ihren Anfang nimmt.

Dort wächst Stephen Nasser als jüngstes Kind einer jüdischen Familie auf, die seit Generationen ein Juweliergeschäft besitzt und ein privilegiertes Leben führt. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen im Frühjahr 1944 ändert sich die Lage für die Menschen dramatisch - besonders für die jüdische Bevölkerung.

Nach einem kurzen Aufenthalt im neu errichteten Ghetto und einer Munitionsfabrik wird die Familie nach Auschwitz deportiert - und dort getrennt. Stephen und seinem drei Jahre älteren Bruder Andris gelingt es, sich unbemerkt einer Arbeitskolonne für das Außenlager Mühldorf anzuschließen.

Eindringlich schildert er von seinen Erlebnissen im Mühldorfer Hart, von dem unmenschlichen Arbeitseinsatz an der Bunkerbaustelle und den katastrophalen Bediningen im Lager. Die Mangelernährung sowie die Misshandlungen durch das Lagerpersonal führen dazu, dass beide schnell an Kräften verlieren. Schließlich stirbt Andris in den Armen seines jüngeren Bruders.

Die Erinnerung an ihn gibt Stephen die Kraft und Entschlossenheit auch allein nicht aufzugeben. So landet der 14-Jährige schwer gezeichnet in einem Viehwaggon - heute vor 65 Jahren. Am 30. April 1945 wird er von amerikanischen Soldaten befreit, im Krankenhaus in Seeshaupt kämpft der Junge tagelang gegen Typhus und Lungenentzündung - und überlebt.

13000-mal wurde "My Brother's Voice" in Amerika verkauft, nun sucht Heinz Bickert, der das Buch in Eigenregie übersetzt hat, auch in Deutschland einen Verlag. "Vielleicht gelingt es uns ja die Geschichte über den Heimatbund zu veröffentlichen", erklärt Vorsitzender Dr. Reinhard Wanka. "Schließlich würde das Thema genau in die Reihe unserer Publikationen passen." Darüber hinaus würde die Sicht eines 14-jährigen Häftlings das Buch für die Schulen interessant machen. Erste Kontakte zwischen Heimatbund, Übersetzer und Autor sollen in den nächsten Wochen geknüpft werden.

Wie das Leben von Stephen Nasser weitergeht? Nachdem er aus dem Lazarett entlassen wird, macht er sich auf den Heimweg durch die russische Zone nach Budapest, getrieben von der Hoffnung, seine Mutter wieder zu finden. Die Wohnung seines Onkel und Tante, die den Holocaust in einem der so genannten Schwedenhäuser überlebt haben, wird sein neues Zuhause. Stephen besucht wieder seine alte Schule, lernt seine erste große Liebe kennen - und erfährt vom Tod seiner Mutter in Bergen-Belsen.

1948 verlässt er Budapest, um zunächst in Kanada, später in den Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. Stephen Nasser eröffnet ein Lokal, verkauft Versicherungen, arbeitet als Innenarchitekt. Er gründet eine Familie, wird Vater von zwei Kindern und lebt heute mit seiner zweiten Frau in Las Vegas.

In seinem Buch geht es nicht um Mitleid oder Vergeltung, nicht um Rache oder Hass. Stephen Nasser geht es um Wahrheit und Erinnerung. "Denn diejenigen, die die Geschichte vergessen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen", schreibt er in seinem Vorwort. "Begeht keine Fehler: Der Holocaust ist Geschichte. Ich weiß es. Denn ich war dabei."

ha/Mühldorfer Anzeiger

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