Am kommenden Freitag feiert das Sonderpädagogische Förderzentrum im Landkreis Mühldorf seinen 50. Geburtstag. Das Zentrum betreut im Landkreis an fünf Standorten 348 Schüler, die von über 50 Lehrern unterrichtet werden. Wir spachen mit Schulleiter Franz Göhl über die Aufgaben und Zielsetzungen des Sonderpädagogischen Förderzentrums in der heutigen Zeit. Ebenso über die Kooperation mit anderen Schulen und die Integration der Kinder in der Regelschule.

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Schulleiter Franz Göhl will das Sonderpädagogische Förderzentrum weiterentwickeln. Foto sb
n Wie würden Sie die 50-jährige Entwicklung von der Hilfsschule bis zum heutigen Sonderpädagogischen Förderzentrum im Landkreis Mühldorf beschreiben?
Am 3. September 1959 nahm die Hilfsschule Mühldorf, die Keimzelle des heutigen Sonderpädagogischen Förderzentrums (SFZ) Waldkraiburg, in den Räumen des Kinderheimes Starkheim ihren Betrieb auf. Zwei Klassen wurden von drei Lehrkräften unterrichtet. Heute umfasst das SFZ im Landkreis Mühldorf 24 Klassen und sechs Schulvorbereitende Einrichtungen an fünf Standorten. Es ist damit die größte Einrichtung dieser Art in Oberbayern.
Die Zielsetzung für die Gründung der Hilfsschule war nach den Worten des damaligen Schulrates Prasch "behinderte Kinder einer ihnen angemessenen Schulbildung zuzuführen und der Volksschule das Bemühen um die Unterrichtung besonders leistungsschwacher Kinder abzunehmen".
Die Bezeichnung "behinderte Kinder" ist heute durch "Kinder mit besonderem Förderbedarf" ersetzt. Ihre Förderbedürfnisse liegen im Lernen, in der Sprache und im sozial-emotionalen Verhalten. Für die pädagogische Arbeit im SFZ Waldkraiburg sind heute, den genannten Defiziten entsprechend, 51 Lehrkräfte aus verschiedenen sonderpädagogischen Studienrichtungen eingesetzt. Die Förderschule hat sich damit in den letzten 50 Jahren strukturell, organisatorisch und inhaltlich umfassend weiterentwickelt und verändert.
n Welchen Aufgaben muss sich ein modernes Sonderpädagogisches Förderzentrum heute primär stellen?
Im präventiven Bereich werden die Kinder in der Schulvorbereitenden Einrichtung (SVE) und in den Diagnose- und Förderklassen (DFK, 2 Schuljahrgänge in drei Schuljahren) betreut. Es sind Kinder, die entwicklungsverzögert oder von Behinderung bedroht sind. Ziel ist es, sie soweit zu fördern, dass sie später im Regelschulbereich bestehen können. Diesen neuen pädagogischen Aufgaben stellte sich die Förderschule im Landkreis Mühldorf schon seit den Jahren 1981 (SVE) bzw. 1986 (DFK) als eine der ersten in Bayern. Den Erfolg der Maßnahme beweisen die hohen Rückführerzahlen an die Volksschule.
Schüler ab der 3. Klasse werden nach dem Lehrplan zur individuellen Lernförderung unterrichtet. Sie weisen einen so umfangreichen Förderbedarf auf, dass sie eine Regelschule nicht erfolgreich besuchen könnten. Eine besondere Aufgabe stellt hier die intensive Hinführung zur Berufsfindung und Berufsreife in den sogennante Diagnose- und Werkstattklassen dar. Im Umfeld eines leistungsorientierten, selektiven Schulsystems hat damit die Förderschule einen wichtigen Platz zum Wohle der benachteiligten Kinder.
n Die Begriffe Kooperation und Integration stehen im Vordergrund. Wie sehen Sie die Zusammenarbeit in einem leistungsorientierten gegliederten Schulsystem?
Personell und fachlich unterstützt das SFZ auch die Einrichtungen für Kinder mit einem sehr hohen sozial-emotionalen Förderbedarf im Landkreis Mühldorf, die Ganztagesintensiv-Klasse (GIK) der Hauptschule und die entsprechende Förderklasse der Grundschule. Die im Schuljahr 2008/09 neu konzipierte Beratungsstelle am SFZ in Waldkraiburg ist ein weiteres Angebot an Lehrkräfte, Erzieher und Eltern.
Für die genannten kooperativen Maßnahmen stehen im laufenden Schuljahr mehr als 120 Lehrerstunden zur Verfügung. Auch daran lässt sich ersehen, wie wichtig die Aufgabe der Kooperation und Integration am SFZ Waldkraiburg genommen wird.
Viele Einzelaktionen an den Standorten des Förderzentrums dienen dem gemeinsamen Lernen und Erleben mit den Kindern im Regelschulbereich und damit dem Ziel der Integration. Hierbei darf ich auf die sehr informative Homepage des SFZ - anzuklicken unter der Adresse www.sfzwaldkraiburg.de - hinweisen.
n Der Förderbedarf von Kindern mit ADHS und anderen Verhaltensproblemen steigt weiter an. Wie reagiert Ihr Förderzentrum auf diese Entwicklung?
Verhaltensprobleme, in der pädagogischen Fachsprache Schwierigkeiten im "sozial-emotionalen Bereich", sind heute ein allgemeines gesellschaftliches Problem. Wie schon erwähnt, arbeitet hier das SFZ kooperativ mit den Volksschulen zusammen.
Aber auch intern stellen sich diese Aufgaben in erheblichen Maße und finden entsprechend Beachtung. Als Maßnahmen kann man die Schulverfassung, die wöchentlich wechselnden Sozialziele, die Betreuung auffälliger Schüler in den Lernpausen oder im Time-out-Raum nennen. Eine Vielzahl von Projekten zielt auf eine Stabilisierung der sozial-emotionalen Befindlichkeit und des Verhaltens ab. Aktuell laufen das Streitschlichter-Projekt und die sogenannte FSF-Gruppen (FSF = Förderung sozialer Fertigkeiten). Bei der Betreuung von Kindern mit massiven Defiziten im erziehlichen Bereich wird die Schule von medizinisch-psychologischen Facheinrichtungen wie dem Sozialpädriatischen Zentrum (SPZ) in Altötting und der Heckscher Klinik (Außenstelle Waldkraiburg) tatkräftig unterstützt.
Alle Maßnahmen können aber nur wenig Erfolg zeigen, wenn das Elternhaus mit der Schule nicht an einem Strang zieht. Eine wichtige Aufgabe für die Lehrer ist deshalb eine intensive Elternarbeit.
n Was wünschen Sie sich und Ihr Kollegium für die Zukunft des Sonderpädagogischen Förderzentrums im Landkreis Mühldorf?
Mein erster Wunsch richtet sich an die Gesellschaft allgemein: Die erkennbare Öffnung gegenüber dem mit Problemen behafteten Kind und die Wahrnehmung der gemeinsamen Verantwortung möge sich fortsetzen. Mit der Achtung des gehandicapten Kindes und Jugendlichen hoffen wir natürlich auch auf eine Wertschätzung unserer Arbeit. An die Politik gerichtet wünsche ich, dass alle Maßnahmen für unsere Kinder vor dem Hintergrund der Hilfe für eine selbständige Lebensbewältigung, vielleicht auch der Vermeidung späterer - wesentlich höherer - Folgekosten gesehen werden.
Der Schule selbst wünsche ich weiterhin ein so partnerschaftlich orientiertes Schulklima zum Wohl der Kinder. Die professionelle, fortschrittliche Arbeit des Kollegiums möge durch eine ausreichende räumliche und personelle Ausstattung des Sonderpädagogischen Förderzentrums Waldkraiburg gesichert und durch neue Maßnahmen, wie Ganztagesangebote und Schulsozialarbeit weiterentwickelt werden. sb
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