Leslie Schwartz hat den Holocaust überlebt. Zum ersten Mal nach 65 Jahren besuchte er jetzt das ehemalige KZ-Außenlager Mittergars, in dem der Häftling mit der Nummer 71253 untergebracht war. Zuvor stellte er sich im Ruperti-Gymnasium Mühldorf den Fragen der Schüler.

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Nach 65 Jahren war Leslie Schwartz erstmals wieder im ehemaligen Lager in Mittergars. Der Verein "Für das Erinnern" um den Zweiten Vorsitzenden Erhard Bosch (im Hintergrund) hatte die Rückkehr organisiert. Foto Günster
Mühldorf - "That's my kurze Geschichte", sagt Leslie Schwartz am Ende seines Vortrags - und lächelt. Für einen kurzen Moment ist es unglaublich still im großen Hörsaal des Ruperti-Gymnasiums, der auf den ersten Blick denkbar ungeeignet scheint für ein Zeitzeugengespräch. Irgendwie ist hier alles zu groß, zu wenig intim, um über das Leben, den Tod und die Grausamkeit der Menschen zu sprechen. Doch der 80-Jährige hatte die Distanz zu den Schülern schon nach ein paar Sätzen überwunden, auch wenn nicht jedes seiner englischen Worte in der letzten Reihe ankommt.
Die Zwölftklässler wissen Bescheid über die Fakten, im Lehrplan des letzten Jahres stand das Thema Holocaust ganz oben. Und so fragen die Jugendlichen nicht nach Daten oder Namen, sondern nach Gefühlen und Gedanken - und nach dem Neuanfang. "Good has be good to me", meint Leslie Schwartz im Rückblick auf sein zweites Leben, das 1946 in Amerika begann. Dort leitete er eine Druckerei, heiratete, wurde Vater eines Sohnes.
"Ich glaube, es war Schicksal, dass ich überlebt habe", meint Leslie Schwartz. "Auch um heute hier zu sein." Und so erzählt der Ungar von seinem ersten Leben - ohne Hass und ohne erhobenen Zeigefinger.
Laszlo Schwarc, wie er damals hieß, kam in einem kleinen ungarischen Dorf zur Welt. Mit Eltern, Geschwistern und Verwandten zog er im April 1944 in ein Ghetto, ehe die SS die Juden in Viehwaggons nach Auschwitz karrte. An der Rampe musste sich der Junge entscheiden. "Ich wusste nicht, in welche Reihe ich mich stellen soll. Zu meiner Mutter? Zu den anderen Kindern? Oder doch zu den Männern?" Lagerarzt Josef Mengele fragte ihn bei der Selektion nach seinem Alter. "17", log der kleine Laszlo und landete schließlich in einem Zug, der Häftlinge zur Zwangsarbeit nach Dachau brachte. Erst schuftete Schwarc in der Motorenfabrik von BMW in Allach, dann wurde er nach Mittergars verlegt.
Völlig ausgehungert pferchte ihn die SS in den letzten Kriegstagen zu den anderen Häftlingen in den Todeszug nach Tutzing. In Poing kommt Laszlo für eine Stunde frei, als ihn die Wachen erneut schnappen, trifft ihn eine Kugel und durchschlägt sein Kiefer. Mit letzter Kraft schleppt er sich zurück in den Zug - und wird zwei Tage später von den Amerikanern befreit. Laszlo erkrankt an Flecktyphus, kämpft im Krankenbett noch einmal ums Überleben. Ausgerechnet ein ehemaliger SS-Arzt operierte ihn später am Kiefer.
Ohne Unterbrechung lassen die Schüler die große Pause vorübergehen, fragen weiter. Unter anderem danach, wie das Verhältnis der Häftlinge untereinander war. "Es gab keine Gefühle", sagt Leslie Schwartz. "Wenn einer neben mir starb, war ich froh, dass ich seine Schuhe haben konnte."
Seine Erlebnisse hat er als Buch veröffentlicht (siehe Infokasten). Nun sei es für ihn psychologisch wichtig, die Orte zu besuchen, die er einst überlebt hat. Und darüber zu reden.
Am 4. Juli hat er auf seiner Lese- und Vortrags-Tour Max Mannheimer getroffen. Gemeinsam haben sich die beiden Überlebenden des Holocaust am Abend das WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien angeschaut - und gemeinsam gejubelt, als die Tore für die Deutschen fielen. "Wir saßen da wie zwei kleine Jungs", lächelt Leslie Schwartz. "Und es war fast so, als hätte ich ein kleines Stückchen meiner Kindheit zurückbekommen." ha
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