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Neue Familien braucht das Land

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Vater, Mutter, Kind: So soll es sein - auch heute in einer Zeit familiärer Umbrüche. Die Ernst-Freiberger-Stiftung hat diesen Wandel in einem internationalen Forschungsprojekt zum Thema "Familie, Bindungen und Fürsorge" analysieren lassen. Die Ergebnisse von 35 Wissenschaftlern aus aller Welt sind in einer Publikation zusammengefasst worden, die jetzt erschienen ist. Sie räumt - zum Teil radikal - mit alten Denkmustern auf.

Professor Dr. Hans Bertram (links), wissenschaftlicher Leiter des Ameranger Disputs zum Thema Familie und Liebe und des daraus resultierenden internationalen Forschungsprojektes, diskutierte auf Einladung von Ernst Freiberger beim Ameranger Disput auch mit Denkern wie dem Philosophen Richard David Precht (rechts). Foto duczek

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Professor Dr. Hans Bertram (links), wissenschaftlicher Leiter des Ameranger Disputs zum Thema Familie und Liebe und des daraus resultierenden internationalen Forschungsprojektes, diskutierte auf Einladung von Ernst Freiberger beim Ameranger Disput auch mit Denkern wie dem Philosophen Richard David Precht (rechts). Foto duczek

Amerang - Finanzmarktkrisen, Staatsverschuldung, Währungsdebatten: Die Welt ist derzeit in "Unordnung", die Menschen sind verunsichert. Der Rückzug in die Familie gibt Halt. "Doch was ist, wenn selbst die kleinste Zelle unserer Gesellschaft krankt?" fragt sich Unternehmer Ernst Freiberger angesichts des zunehmenden Auseinanderbrechens von Familien. Nach umfangreichen Forschungen zu sozial- und wirtschaftspolitischen Themen wie der Arbeitslosigkeit, der Rolle der Weltreligionen und der Wachstumsfrage widmete sich der Ameranger Disput der Ernst-Freiberger-Stiftung in den vergangenen zwei Jahren intensiv dem familiären Wandel. Projektleiter Professor Dr. Hans Bertram, renommierter Familiensoziologe an der Humboldt Universität Berlin, gewann Wissenschaftler aus Europa, USA, Vorderasien, Japan, China und Afrika für vergleichende Studien. Auf 746 Seiten haben sie ihre Erkenntnisse, Forschungsergebnisse und Analysen veröffentlicht.

Mit der Publikation hat Freiberger das Ziel seiner Stiftung, die Allgemeinheit an den Ergebnissen seiner Studien teilhaben zu lassen, erfüllt. Denn der Ameranger Disput findet zwar im behüteten privaten Raum auf dem Anwesen des Unternehmers mit geladenen hochrangigen Gästen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft statt. Die Ergebnisse sollen jedoch nicht, so der ausdrückliche Wunsch Freibergers, im Elfenbeinturm der elitären Wissenschaft hängen bleiben. Deshalb ist auch die Publikation für den interessierten Laien gut lesbar. Ein Glossar erklärt alle auftauchenden Fachausdrücke, Fallbeispiele vermitteln ein lebendiges Familienbild aus aller Welt.

"Was können wir aus anderen Kulturen lernen?" Für den Kosmopoliten Freiberger stellt dies die Kernfrage dar. Über den Tellerrand hinausschauen: Dazu muss der Leser nicht weit weg schweifen, beweist die Publikation. Denn selbst für Europa liefert das Buch erstaunliche Erkenntnisse. Das als traditionell und naturgemäß richtig empfundene Modell der kleinen Kernfamilie ist ein Konzept, das erst Mitte des 20. Jahrhunderts entstand. Vorher lebten in der Regel drei Generationen unter einem Dach. Kinder wurden auch von Großeltern, Tanten, Onkeln oder größeren Geschwistern mit erzogen. Alle arbeiteten und trugen zum Lebensunterhalt auf ihre Weise bei, erläutert ein Aufsatz im Buch.

Familie als flexible Lebensgemeinschaft

Das europäisch-westliche Familienideal ist also nicht nur ein relativ junges, es ist, wie die Publikation aufzeigt, auch keineswegs die einzige Art, wie Familie gelebt werden kann. Die spannende Lebensgeschichte eines Paares aus Westafrika zeigt, wie dort in den Dörfern Familie als flexible Lebensgemeinschaft mit Kommen und Gehen innerhalb eines Gehöftes gesehen wird. Romantische Ideale der ewigen Liebe, an denen heute so manche deutsche Ehe zerbricht, gehören nicht zum westafrikanischen Alltag, wohl aber die Fürsorgepflicht für Kinder, Senioren und Verwandte. Doch nicht nur in Westeuropa ist die Familie im Umbruch. Beispiele aus den Philippinen weisen auf ein erstaunliches Phänomen hin: Die Frauen wandern aus, um als Haushälterinnen so viel Geld zu verdienen, dass sie daheim ihre Familien von ärmeren Landsleuten betreuen lassen können.

Projektleiter Bertram fordert in seiner Auswertung der Studien und Aufsätze zum Wandel der Familie in aller Welt deshalb, mit Konventionen zu brechen und neue Denkmuster für die Familienpolitik der Zukunft zu entwickeln. Nicht nur neue Männer braucht das Land, deren gewandelte Rolle im Buch ebenfalls einen breiten Raum einnimmt; auch neue Familien sind gefragt, die nicht länger als kleiner Kern aus Vater, Mutter, Kinder, sondern als größere soziale Einheit betrachtet werden sollten, so Bertram. Großeltern, aber auch enge Freunde und Netzwerke unterschiedlicher Art gehören nach seiner Überzeugung zum neuen, sich gegenseitig unterstützenden Familienverband dazu.

In den Augen von Bertram sind die Probleme der Zukunft, vor allem rund um Vereinbarkeit von Familie und Beruf, auch nicht allein mit dem konsequenten Ausbau des Kinderbetreuungsnetzes gelöst. Wohnen und Arbeiten, nach wie vor meist strikt getrennt, müssen nach seiner Erkenntnis wieder räumlich vereint werden. Bertram fordert eine neue Städtebaupolitik, die dafür sorgt, dass Eltern die logistische Bewältigung des Alltags zwischen Familie und Beruf erleichtert wird und sie dadurch mehr Zeit für ihre Kinder haben. Dass die zeitliche Zuwendung im Gegensatz zu früher abgenommen hat, ist übrigens ein weiterer Irrglaube aus der noch immer nicht ganz aus der Welt geräumten "Rabenmütterdiskussion", den die Publikation der Freiberger Stiftung aus der Welt räumt: Studien haben laut Bertram bewiesen, dass Väter und Mütter heute trotz doppelter Berufstätigkeit mehr Zeit für ihre Sprösslinge aufbringen als die eigene Elterngeneration.

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