Rosenheim/Landkreis - Der neue Brennerzulauf durchs bayerische Inntal - mit ganz neuem Streckenverlauf, erst westlich an Rosenheim vorbei, dann viergleisig bis Kufstein durch Naturschutzgebiete und Tourismusorte im Landkreis Rosenheim hindurch: eine Horrorvision ohne jeden Realitätsbezug.

© re
Der Brennerbasistunnel: In Österreich seit zwei Monaten im Bau (Bild). Jetzt muss sich Deutschland mit dem Zulauf auf bayerischer Seite beeilen. Der Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer sorgt mit seinen Gedankenspielen im Raum Rosenheim allerdings für Entsetzen.
So dachten bis gestern viele. Doch die Gedankenspiele, die Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer jetzt anstellte (wir berichteten), lässt bei allen Beteiligten und Betroffenen in der Region die Alarmglocken schrillen. Ob Landratsamt, Rathäuser oder Abgeordnetenbüros - es herrscht Fassungslosigkeit, Unverständnis und Verärgerung.
So hat sich der Minister mit seinem Vorstoß in den Augen heimischer Politiker aufs Abstellgleis manövriert. "Ich bin aufs Höchste entsetzt", klagt Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer. "Nur zum Kopfschütteln" kommentiert ein sehr verärgerter Landrat Josef Neiderhell die Pläne. Und auch die Rosenheimer Abgeordnete Daniela Ludwig (CSU) kritisiert ihren Fraktionskollegen im Bundestag in ungewöhnlicher Schärfe: "Neue oberirdische Bahngleise durch das Inntal kommen nicht in Frage. Würde Verkehrsminister Ramsauer die örtlichen Gegebenheiten zum Beispiel in Brannenburg, Flintsbach und Oberaudorf kennen, dann würde er wissen, dass neue oberirdische Gleise diesen Gemeinden nicht zuzumuten sind."
Im Inntal seien stattdessen nur Tunnellösungen akzeptabel. Kein Verständnis hat Ludwig für den Vorschlag Ramsauers, die Zulaufstrecken zwischen Trudering und Grafing durch Tunnels zu führen: "Diese Strecke führt weitestgehend durch freie Landschaft. Deshalb kann ich so einen Vorschlag gar nicht ernst nehmen."
Ramsauers Überlegungen wurzeln im sogenannten "Planfall 36" - ein Papier, das seit Jahren in einer Schublade im Berliner Verkehrsministerium liegt. Für die Region seien die Vorschläge nicht akzeptabel, so die SPD-Politikerinnen: "Herr Ramsauer will einen 20 Kilometer langen Tunnel von Trudering bis Grafing finanzieren, für das Inntal ist aber nichts übrig. So geht das nicht."
Landrat Neiderhell kennt die Problematik um den Brennerzulauf aus mehreren Blickwinkeln. Von 1996 bis 2008 war er Bürgermeister in Raubling. Doch in vielen Jahren BBT-Debatte fühlte er sich noch nie so vor den Kopf gestoßen wie jetzt. Zumal es eine Beschlusslage gebe, an der nicht zu rütteln sei: "Wenn im Inntal neue Trassen notwendig sein sollten, dann nur unter der Erde!" Was Neiderhell ebenfalls sauer aufstößt: "Man kann nicht einfach sagen, was gebaut wird, ohne vorher die Betroffenen in die Planungen einzubeziehen."
In Brannenburg, Oberaudorf oder Kiefersfelden müsste die Bahnlinie mitten im Ort von zwei auf vier Gleisen verbreitert werden. Bürgermeister Erwin Rinner (Kiefersfelden) dazu: "Unmöglich, undurchführbar. Es ist kein Platz da."
So können sich alle Beteiligten lediglich mit Ramsauers Angebot, einen Planungsdialog ähnlich wie beim Ausbau der Autobahn A 8 durchzuführen, anfreunden. "Aber bitte nicht auf der Basis der bisherigen Vorschläge. Sie sind lediglich eine überarbeitete Skizze im Bundesverkehrswegeplan", fordert Ludwig.
Wollte Ramsauer mit seinem Paukenschlägen nur als lautstarker Trommler provozieren und wachrütteln, damit Bewegung in die schleppende BBT-Zulaufplanung kommt? Oder steckt doch mehr hinter den "Planfall 36"-Skizzen? Erste Antworten könnte es schon am Montag geben, wenn Neiderhell die Arbeitsgemeinschaft Transitverkehr zu einer Brenner-Konferenz ins Landratsamt bittet. Ramsauers Staatssekretär Andreas Scheuerer, ein Passauer, steht dabei ein Gang nach Canossa bevor.
Der Brennerbasistunnel sei das wichtigste verkehrspolitische Vorhaben im Süden Europas. "Die Planungen für die Zulaufstrecken müssen wir schon seriös durchführen", sagt Daniela Raab. Ist dies nicht der Fall, muss sich Berlin wohl auf eine Protest-allianz in Südbayern gefasst machen, die Stuttgart 21 noch übertrifft. Als Slogan bietet sich an: Nein zu Inntal 21.
Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)
Bestimmen Sie auf der Karte die Region, aus der Sie Nachrichten angezeigt bekommen möchten.



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.