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Aufruf zum Kampf um freies Saatgut

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Rosenheim - Die Inntalhalle platzte schier aus allen Nähten. Dirndl und Trachtenhüte bestimmten allenthalben das Bild - gut ein halbes Jahr vor der Wiesn.

Es war eine Inderin, die Menschenmengen aus dem gesamten ostbayerischen Raum und Österreich, darunter eine Reihe von Politikern, mobilisiert hatte: die Physikerin, Globalisierungskritikerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Dr. Vandana Shiva.

 Vor rund 3500 Zuhörern skizzierte die 56-Jährige gut eine Stunde lang in englischer Sprache - der Vortrag wurde blockweise übersetzt - die teils dramatischen ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Agrogentechnik; mit deutlichen Worten prangerte sie die "Gier" der Saatgut-Monopolisten an, die kurz davor seien, mit Patenten auf Gene, Samen und Pflanzen die Kontrolle über den gesamten Nahrungsmittelsektor an sich zu reißen.

Zwar habe es seit Menschengedenken immer wieder Diktaturen gegeben. Doch diese Art der Alleinherrschaft sei neu, erfasse sie nun - über die Lebensmittelkette - doch alle Menschen in allen Lebensformen. Das praktizierte Patentwesen im industriellen Agrobusiness verurteilte Shiva als "moderne Piraterie". Durften früher die Bauern Saatgut für die nächste Aussaat zurücklegen, stehe dies bei lizenzpflichtigem genetisch verändertem Samen nun unter Strafe; bei jeder Aussaat müsse der Bauer erneut Lizenzgebühren zahlen. "Diese Gentechnik hat nichts mit der Bekämpfung des Hungers zu tun, sie zielt auf Macht und Profit ab", machte die Wissenschaftlerin deutlich: Die Saatgut-Konzerne als die "Landlords", die Herren über das Leben. "We must stop!" - "Das müssen wir stoppen!", forderte sie leidenschaftlich.

Bereits vor 21 Jahren hatte Vandana Shiva damit begonnen, Samen zu sammeln, um so die Artenvielfalt für die kommenden Generationen zu erhalten; insgesamt 52 solcher Saatgut-Banken existieren inzwischen in Indien. Nicht von ungefähr stand also die Großveranstaltung, zu der die vor drei Jahren gegründete unabhängige Aktionsplattform "Zivilcourage - Freie Bauern und Bürger, Arbeitsgemeinschaft gegen Agrogentechnik" eingeladen hatte, unter der Schirmherrschaft der Kinder.

In ihrer Heimat, schilderte Shiva, habe sich diese monopolartige Kontrolle während der vergangenen zwei Jahrzehnte äußerst dramatisch ausgewirkt: Das teure, genetisch veränderte Saatgut habe zahlreiche Landwirte in den finanziellen Ruin gestürzt und schließlich in den Selbstmord getrieben: Seit dem ersten Austrag transgener Baumwolle auf dem Subkontinent vor 20 Jahren sei diese Zahl mittlerweile auf 200000 angestiegen; wobei nachweislich ein direkter Zusammenhang zwischen der Selbstmordrate und der Anbaufläche genetisch veränderten Saatgutes bestehe.

Shivas Forderung nach freiem Saatgut bekräftigte nicht nur Christoph Fischer, Initiator der Arbeitsgemeinschaft "Zivilcourage", der sich bislang mehr als 13000 Privatpersonen sowie 250 Organisationen und Firmen aus 13 bayerischen Landkreisen angeschlossen haben. Anstelle einer vorgegebenen wissenschaftlich dominierten Kultivierung plädierte er eindringlich für eine nachhaltige bodenständige Landwirtschaft. pil

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