Grenzenloser Jubel beim Rosenheimer Gastspiel der Russischen NationalphilharmonieMit der Wurst nach dem Speck
108.03.10|KulturFacebook
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Ging es nach dem Publikum (und wonach soll es sonst gehen - für wen macht man schließlich Konzerte): Dann war dies der strahlend beste Abend der Saison. Derart außer Rand und Band hat man die zögerlichen Rosenheimer jedenfalls seit Jahren nicht erlebt. Und selbst der nüchterne Verfasser dieser Zeilen muss bekennen: Das "National Philharmonic of Russia" ist derzeit das souveränste unter Russlands Reise-Orchestern. Es zählt fraglos zu den besten. So präzis und leidenschaftlich, mit so inspirierten Holzbläsern und plastischem, nie lärmendem Blech trotzen nur wenige dem Verschleiß einer Tournee. Und dem ebenso eleganten wie charmanten Vladimir Spivakov merkt man an, dass er nicht nur Dirigent, sondern vor allem Geiger ist; ein Künstler mit präziser Zeichengebung, der in jeder Sekunde weiß, was er den Streichern abverlangt.
Da fragt man sich dann ein wenig betroffen, warum so untadelige Könner es nötig haben, mit der Wurst nach dem Speck zu werfen. Warum das populärste aller Violinkonzerte (Max Bruchs op. 26) auch noch mit den Walzergirlanden der "Rosenkavalier"-Suite von Richard Strauss aufgebrezelt werden musste. Und warum Spivakov seine kompromisslose Darstellung von Rachmaninoffs "Symphonischen Tänzen" in einem Wellness-Pool belangloser Zugaben ersäufte. Aber wie sagte einst die bayerische Volksschauspielerin Annemarie Wendl: "Mei: Wann's hilft, wann's schee macht..."
Festzuhalten bleibt, dass sich Spivakov dem Wiener Schmäh des "Rosenkavalier" nicht widerstandslos ergab. Irgendwie gelang es ihm, das Bodenlose hinter dem Dreiviertel-Takt hörbar zu machen; das zutiefst Unheimliche einer Musik, in der der Komponist mitten im Schreckensjahr 1945 versuchte, die heile Welt von 1911 neu zu beschwören. Vieles, was im Original der Oper authentisch klingt, bekam im Potpourri etwas sonderbar Hohles, Aufgedonnertes. Und dass Spivakov gerade jenes Motiv hervorhob, das Strauss aus Bruchs Violinkonzert entlieh, war ein geschickter programmatischer Schachzug.
Der jungen russisch-deutschen Geigerin Alina Pogostkina gelang dann das Kunststück, Bruchs g-Moll-Konzert weitgehend zu entkitschen, es so anrührend integer zu gestalten, als ginge es um Mozart. Das Problem und damit die Herausforderung ist es ja, zwei schwärmerisch verträumte Eröffnungssätze mit einem krachend effektvollen Finale unter einen Hut zu bringen. Normalerweise funktioniert das mit süffigem Geigenton und auftrumpfender Gestik. Aber Alina Pogostkina begann wie aus dem Nichts, mied alle aufgesetzten Effekte. Statt das Orchester zu dominieren, schaffte sie es, deutlich zarter und abstrakter zu wirken. Und im Finalsatz musizierte sie zwar feurig, aber ohne Pomp. Die Ovationen für diese gestalterische Glanztat wurden mit dem liebenswürdigen Variationensatz aus Prokofjews Solosonate entlohnt.
Sergej Rachmaninoffs "Symphonische Tänze" blieben seine letzte Komposition: unüberhörbar ein Werk des Kriegswinters 1940/41. Selbst das folkloristische "alla turca" des ersten Satzes mutiert immer wieder zu brutaler Marschmusik. Der morbide Walzer trägt die Züge eines Gespenstertanzes. Und das Finale ist ein wüster Hexensabbat, dessen "Dies irae" alle Choralanklänge überdröhnt. Rachmaninoff war da Strawinsky näher als dem eigenen Personalstil. Aber wie man bombenfest effektvoll komponiert, wusste er natürlich trotzdem.
Spivakov fand bei diesem Werk zu einer schneidenden Unbedingtheit, die selbst Mariss Jansons' berühmte Einspielung hinter sich ließ. Man erlebte mit erschrockenem Staunen, welch ein aussagestarker Komponist Rachmaninoff in Wahrheit sein kann - wenn man ihn nur ernst nimmt. So war das Ende der "Symphonischen Tänze" auch der einzige Moment des Abends, an dem der Beifall für einen Moment zaudernd stockte. Aber diese Verstörung konnte oder wollte Vladimir Spivakov nicht stehen lassen, sondern knallte sie mit Reißern wie Tschaikowskys "Dornröschen"-Walzer und einem spanischen Tanz von Jernimo Giménez zu.
Wie jubelnd dankbar ihm die Hörer dafür waren, bedarf kaum der Erwähnung.
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