018.06.10|Kultur|Kultur|
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Beethoven hat fünf Jahre lang gerungen mit seiner "Missa Solemnis". Jahrelang hat auch Enoch zu Guttenberg mit der Wiedergabe dieser monströsen Messe gerungen. Jetzt hat er beim Label Farao mit dem Orchester und Kammerchor der Klangverwaltung, in dem nicht wenige Sänger der Neubeurer Chorgemeinschaft mitsingen, eine klanglich brillante, musikalisch überwältigende und vor allem theologisch überzeugende Einspielung der "Missa Solemnis" vorgelegt, die auf einer Aufführung im Münchener Herkulessaal beruht. Die Live-Atmosphäre ist hervorragend eingefangen, der am Ende losbrechende Beifall bestätigt die große Spannung dieses Konzerts.
Guttenberg lässt Beethovens gebrochene Gläubigkeit in strahlender Entschlossenheit ertönen, lässt durchhören, wie Beethoven die gesamte Messvertonungstradition aufarbeitet und geradezu prometheisch-individuell neu formuliert. Dass im Kyrie die Einsätze konsequent auf der Drei, also eigentlich gegen den Rhythmus, kommen, haben alle Musikwissenschaftler beschrieben, aber nie erklärt. Guttenberg erklärt es theologisch, als musikalisches Symbol der Dreieinigkeit. Wichtiger aber ist, dass man es auch hört. Was bei vielen Einspielungen zu einer unentschiedenen Breiigkeit führt, wird bei Guttenberg nicht nur theologisch und musikalisch transparent, sondern bringt auch die Musik zum Schwingen und Tanzen: eine beschwingte Gottesanrufung. Das Gloria ist wie ein immer wieder neu ansetzender mitreißender Sturm auf die Himmelstür, das "ascendit deus" wie ein Auferstehungstanz, die Schlussfuge ein jubelnder Hymnus.
Der Kammerchor der Klangverwaltung ist präsent, wuchtig und gut durchhörbar, die Tenöre überstrahlen oft den Gesamtklang, das Solistenquartett, allen voran die mühelos sich in die Höhe schraubende Sopranistin Susanne Bernhard und der Tenor Pavol Bresnik, dazu Anke Vondung und Yorck Felix Speer, ordnen sich der theologischen Interpretation unter und agieren nicht opernhaft, sondern kirchenmusikalisch, das Orchester der Klangverwaltung brilliert mit klarer Artikulation und geradezu rhetorischer Phrasierung. Die Sologeige von Andreas Reiner im "Benedictus", aufnahmetechnisch ganz nach vorne gerückt, ist sehr dominant, weniger süß denn energisch fordernd.
Die Militärmusik im "Agnus Dei" interpretiert Guttenberg sehr kriegerisch, martialisch, ja fast erschreckend wild, so dass der Friedenswunsch des "Dona nobis pacem", so innig er gesungen ist, unerfüllbar erscheint. Kein Trost, nirgends. Konsequent überschreibt Klaus Jörg Schönmetzler seinen Booklet-Text mit "Die Hohe Messe des Zweifels". Der einzige Trost scheint der zu sein, dass die Trostlosigkeit musikalisch ausgedrückt, gesungen, zu Schönheit werden kann. Denn, so weiß Rilke, das Schöne ist des Schrecklichen Anfang.

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