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Premiere von Tschechows "Die Möwe" im Rosenheimer Lokschuppen

Nackte Wahrheiten

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Obwohl Anton Tschechow "Die Möwe" als eine Komödie bezeichnet hat, handelt das 1896 uraufgeführte Werk von unerfüllten Hoffnungen und menschlicher Ohnmacht. Alle Protagonisten müssen Rollen spielen, die sie sich nicht gewünscht haben, und träumen von Rollen, die sie nie erhalten werden. Das Theater Ridere in Publico unter der Regie von Dominik Frank hat Tschechows melancholisches Stück im Rosenheimer Lokschuppen in einer eindrucksvollen Inszenierung auf die Bühne gebracht.

Niclas Geissler als Trepljow (links) und Susanne Hirl als Dorn (rechts). Foto fkn

Niclas Geissler als Trepljow (links) und Susanne Hirl als Dorn (rechts). Foto fkn

Die jungen Darsteller boten eine insgesamt überzeugende schauspielerische Leistung. Sowohl in Stimme als auch in Gestik beeindruckte Niclas Geissler als junger Schriftsteller Trepljow, der mit seiner Suche nach neuen Formen nur auf Ablehnung und Unverständnis stößt. Nina (Johanna Weiske), die bei der missglückten Aufführung von Trepljows symbolistischem Stück die Hauptrolle gespielt hatte, beeindruckte nicht nur durch ihren elegischen Monolog über den Kreislauf des Lebens, sondern am Ende auch durch die Bereitschaft, ihr Schicksal zu tragen. Mariella Maier spielte den erfolgreichen Schriftsteller Trigorin, der in Wirklichkeit an Selbstzweifeln leidet und von Nina abgöttisch geliebt wird. Ihr Lachanfall wirkte beklemmend authentisch, mit ihrer dunklen Sonnenbrille strahlte sie zugleich Einsamkeit und Unnahbarkeit aus.

Mascha (Susanne Kroll mit zarter Stimme und aufreizendem Outfit), die Tochter des Gutsverwalters, vervollständigte den Reigen der unglücklich Liebenden. Den blinden Doktor (Susanne Hirl mit stummer Präsenz) bittet sie vergeblich um Hilfe, die Ratschläge der egozentrischen Schauspielerin Arkadina, von Justus Dallmer etwas unbeholfen-herb verkörpert, verhallen bei ihr ohne Resonanz, die Liebe des schüchternen Lehrers (Kai Göhrig) weist sie zurück.

Der Einfall, dass Nina vor Trepljow gleich zu Beginn splitternackt einen Monolog aus seinem Stück hält und dass beide am Ende auch noch minutenlang gänzlich entblößt voreinander stehen, sollte vermutlich ihre Schutzlosigkeit und Isolation zeigen, lenkte aber vom Innenleben der Protagonisten und der subtilen Psychologie des Stücks ab. Auch die Kussszene, in der sich Nina und Trigorin nackt liebkosen und Zigarette rauchen, verwirrte, zumal Trigorin von einem Mädchen gespielt wurde. Nicht ganz nachzuvollziehen war der Geschlechtertausch. Dass Justus Dallmer eine Frau verkörperte und Susanne Hirl einen Arzt, machte zudem die Zuordnung zu den Rollen nicht eben leicht.

Originell waren die immer wieder gespielten Schlagerschnulzen, deren triviale Texte die Sehnsucht nach Liebe und Glück ausdrückten, deren Längen die Handlung aber gelegentlich ins Stocken brachte. Das Leiden am unerfüllten Leben, die lähmende Langeweile auf dem Landgut wurde durch den nüchtern-kahlen Raum und die vielen leeren Wein- und Schnapsflaschen stimmig symbolisiert. Nicht nur junge Zuschauer, die auf der Suche nach Orientierung und Lebenssinn sind, sollten sich die gelungene Aufführung von Tschechows "Die Möwe" unbedingt ansehen.

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