Frau Knef, wie viele Koffer haben Sie in Berlin? Hatten Sie ein Verhältnis mit Gregory Peck? Sind Sie immer noch "Die Sünderin"? Kann man annehmen, dass Sie keine gute Mutter waren? Man sagt, Sie hätten unterm Nerz ein Maschinengewehr? Sind Sie nicht zu alt dafür?

© OVB
Zurecht viel Applaus für Gilla Cremer in der Rolle von Hildegard Knef. Foto Kch
Schlag auf Schlag kommen sie, die penetranten Journalistenfragen an Hildegard Knef. Schlag auf Schlag konfrontiert die 56-jährige Hamburger Schauspielerin Gilla Cremer mit ihrem Glitzerzylinder auf dem Kopf das Waldkraiburger Publikum im Haus der Kultur mit den Wunden einer großen Künstlerpersönlichkeit der Nachkriegszeit.
"So oder so (ist das Leben)" - in Anlehnung an einen bekannten Chanson der Knef - nennt die Hamburger Autorin das von ihr geschriebene Programm. Zweieinhalb Stunden schlüpft sie dabei in die Rolle der Hilde, tanzt, steppt, singt, spielt, spricht, haucht auf einer sparsam mit Hüten, Treppe und Schminkkästchen ausgestatteten Bühne. Einfühlsam begleitet wird sie dabei von Gerd Bellmann am Flügel, mit dem sie auch einige wunderbare Duette singt.
Dabei hatte das Leben des 1925 geborenen Hildchens, ihre Kindheit in und um Berlin durchaus romantische Elemente: wie die Erinnerung an den geliebten Großvater als "Dorfteich in der Sommersonne", an heimlich verspeiste Anisbonbons und stärkende Äpfel. Solche schnitt die Erzählerin Gilla Cremer demonstrativ vor dem Publikum in Spalten und verteilte sie, ehe sie auf die Vorwürfe von Knefs Mutter zu sprechen kam, die im "Warum kannst Du nicht so sein wie andere Kinder?" gipfeln.
Ja, sie war tatsächlich anders, wusste mit 16 Jahren bereits, dass sie Schauspielerin werden wollte. Daran konnte sie auch kein Bombenalarm hindern. Natürlich überschattete die Naziherrschaft ihr Privatleben, dazu die ersten Liebesabenteuer. Im grauen Trenchcoatmantel singend, bekennt die Knef-Darstellerin stellvertretend für das Original: "Der Mensch an sich ist feige". Grausame Erlebnisse während der Besatzungszeit bleiben der jungen Hilde nicht erspart und Gilla Cremer erspart deren Schilderung auch nicht dem Publikum. Hier bekommt das Stück eine über die aufregende Künstlerbiografie hinausgehende, zeitgeschichtliche Bedeutung.
Weitere interessante Facetten des Knefschen Lebens enthüllt die Cremer beispielsweise, als sie als russische Kommunistin Ninotschka in Ledermantel und Baskenmütze verkleidet von dem künstlerischen Durchbruch am Broadway berichtet. Dem ungeahnten Vorstellungsmarathon des Musicals "Seidenstrümpfe" folgt das völlige Ausgebranntsein und der in einem ihrer Chansons formulierte Wunsch: "Ich brauch Tapetenwechsel...".
Den verschafft sie sich durch ihre spektakuläre Rückkehr ins heimatliche Berlin. Ganz wie sie die meisten von uns in Erinnerung haben, begegnet einem hier ihre Doppelgängerin im Pelzmantel, mit breitkrempigem Hut, großer Brille vor ihren Augen mit den auffällig dichten, künstlichen Wimpern. Eindrucksvoll beschreibt Gilla Cremer die leidenschaftliche Liebe der Künstlerin (Eine wunderschön gesungene lyrische Hommage an den Ehemann Nummer zwei "Ohne Dich hat das Meer keine Tropfen"!), die neue Karriere als Chansonsängerin mit der rauchig-verruchten Stimme und - irgendwo dazwischen - die schwierige Geburt der Tochter Tinta.
Ein anderes Mal präsentiert die heutige Mimin Hildegard Knef als Diva im roten eleganten Abendkleid mit Federboa und Zigarette. Glaubhaft spielt sie die wegen Skandale von den Medien, der Kirche und vielen Deutschen gescholtene, sogar mit Morddrohungen bedachte Künstlerin, die hinter ihrer schillernden Fassaden ein verletzliches Inneres verbirgt.
Nirgendwo scheint sie ein verlässliches Glücksrezept zu finden. Doch die Knef denkt nicht ans Aufgeben. In dem bekannten Chanson "Für mich soll's rote Rosen regnen" träumt Gilla Cremer anstelle der von ihr verkörperten Künstlerin - und erntet am Ende für ihren gesamten Auftritt an der Seite ihres musikalischen Partners berechtigt viel Applaus.



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