Englisch stünde eigentlich auf dem Stundenplan. Und Religion. Ohne den beteiligten Lehrkräften zu nahe treten zu wollen: Die Fünftklässler des Ruperti-Gymnasiums Mühldorf verzichteten gestern Vormittag gerne auf Vokabeln und Testamente. Denn wann haben die Schülerinnen und Schüler schon einmal die Gelegenheit ihren Unterricht gegen eine Theaterpremiere zu tauschen? Eben.

© ha
In der Küche der Dorettis: Mama Tanja (Eva Sättler), der hochbegabte Oskar (Michael Sobotka) und sein tiefbegabter Freund Rico (Daniel Gawlowski).
Mit "Rico, Oskar und die Tieferschatten" stellt das Junge Landestheater Bayern die vierte Inszenierung im Landkreis Mühldorf vor. Neben 60 Schulvorstellungen stehen sechs öffentliche Aufführungen auf dem Programm. Und man muss kein Prophet sein, um zu erraten, was die Mannschaft um die künstlerischen Leiter Matthias Fischer und Vera Schweinstetter bis März erwartet: jede Menge Applaus.
Den hat sie sich auch mehr als verdient. Für viele schöne Ideen, für tolle Schauspieler und eine ganz besondere Atmosphäre.
Dafür sorgt schon die Position des Publikums. Die Besucher sitzen inmitten der Kulissen, die Szenen spielen sich auf sechs kleinen Bühnen rundherum ab: in den Wohnungen, auf der Dachterrasse, vor den Haustüren. Und wenn sich Rico und Oskar zum ersten Mal begegnen, mitten im Hof, zwischen den Schülern, dann ist das Theater zum Greifen nah.
So drehen sich die Köpfe im Publikum nach links, nach rechts, nach vorne und nach hinten - um zu erleben, was Rico erlebt: Zunächst einmal eine spannende Geschichte, nach dem Roman von Andreas Steinhöfel. Doch der Krimi hat viel mehr zu bieten als nur die Jagd nach einem Kindesentführer.
Ricos Welt ist überschaubar. Da ist seine liebevolle, alleinerziehende Mutter (Eva Sättler), die nachts in einer Bar arbeitet, Klebebildchen auf den Fußnägeln trägt und Fischstäbchen kocht, wenn sie besonders "kümmerig" ist. Ja, auch Fürsorge ist ein Thema dieses Stücks.
Genauso wie Einsamkeit, dieses "graue Gefühl", das Frau Dahling von gegenüber immer dann heimsucht, wenn sie an ihren Mann denkt, der sie gerade verlassen hat. Ulla Grzelas Rollstuhl? Spielt keine Rolle. Ist vielmehr ein Beispiel dafür, dass man sich binnen Minuten ans Anderssein gewöhnen kann.
Und dann geht es natürlich um die Freundschaft zwischen dem tiefbegabten Rico und dem hochbegabten Oskar, die demonstriert, dass Begabungen und Schwächen vor allem eine Frage der Definitionen sind. Zusammen kommen sie dem berüchtigten Kindesentführer "Mister 2000" auf die Spur - bis Oskar selbst verschwindet.
Schöne Bilder lassen Fischer und Schweinstetter immer wieder entstehen: der träumende Rico mit den Stimmen aus dem Off zum Beispiel, die dunklen Schatten im Hinterhaus, oder die einsame Frau Dahling auf ihrem Sofa.
Unterstützt von einem gelungenen Spiel aus Licht, Ton, Geräuschen und Musik, für die Michael und Adam Wroblewski sorgen. Vorne weg sind es aber die überzeugenden Schauspieler, die "Rico, Oskar und die Tieferschatten" zu einem echten Erlebnis machen: von Michael Sobotka (Oskar) bis hin zu Uwe Thomsen (Polizist Westbühl), ohne Ausnahme.
Das Premierenpublikum war sich jedenfalls einig: "Viel cooler als Englisch." Was bei einem Fünftklässler einem Ritterschlag gleichkommt.
Samstag, 11. Dezember, um 19 Uhr; Sonntag, 19. Dezember, um 17 Uhr; Sonntag, 23. Januar, um 17 Uhr; Sonntag, 30. Januar, um 17 Uhr; Sonntag, 6. Februar, um 17 Uhr; Samstag, 12. Februar, um 19 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 0175/2702504 .
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