Einen strahlenden Eröffnungsabend der Tiroler Festspiele erlebten die Besucher, die in Scharen ins Passionsspielhaus nach Erl gekommen waren. Zugegeben, beim "Sehen und Gesehenwerden" auf dem Vorplatz des Passionsspielhauses spürte man die Hitze des Tages noch sehr; am meisten litt wohl die Bundesmusikkapelle Erl in ihrer feschen Tracht darunter. Mit schmissiger Musik empfing sie die Ehrengäste, begrüßte den "Einritt" von Maestro Gustav Kuhn auf seiner Honda und trug zur festlich-fröhlichen Stimmung bei.

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Das Orchester der Tiroler Festspiele unter Gustav Kuhn beim Andante von Bruckners 4. Symphonie. Foto kaiser
Etwas kühler war es im Passionsspielhaus, wo Erls Bürgermeister Georg Aicher-Hechenbacher launig-selbstbewusst seine Begrüßungsworte sprach. Dann erklang, getreu der Erler Festspieltradition, ein zeitgenössisches Werk, die "Passacaglia für großes Orchester", komponiert 2008 von Elmar Lampson in der österreichischen Erstaufführung. Elmar Lampson, Rektor der Musikschule Hamburg, ist ein Komponist, dem man nachsagt, er "scheue sich nicht, so zu komponieren, dass es schön klingt". Kann moderne Musik denn schön sein, darf sie es überhaupt? Lampsons "Passacaglia" führte das scheinbar Unvereinbare zusammen, erzeugte bei den Zuhörern das Gefühl, etwas Geschlossenes, Stimmiges zu erleben, ohne Klischees oder Gefälligem ausgesetzt zu sein. Das Werk fängt Stimmungen ein, reißt Gefühle an, gibt Raum für Assoziationen. Es lockt an, ohne zu verführen, verdeutlicht, ohne zu zwingen, lässt aufhorchen, ohne zu verschrecken, entwickelt vertraute Farben und spiegelt sie in neuen Formen. Peter Valentovic, Kuhn-Schüler und Studienleiter der Tiroler Festspiele 2011, dirigierte das Werk behutsam und exakt zur Akzeptanz beim Publikum.
Traditionell dirigierte Gustav Kuhn als musikalische Eröffnung ein Werk von Anton Bruckner, die Symphonie Nr. 4 in Es-Dur. Unter dem unglücklichen, von Bruckner selbst gegebenen Beinamen "Die Romantische" ist sie wohl die bekannteste und beliebteste unter den neun Symphonien des Komponisten. Gustav Kuhn führte seine Zuhörer in einer faszinierend hellhörigen und subtilen Interpretation zu einer neuen, ganzheitlichen Sicht der einzelnen Sätze und des Gesamtwerkes. Die krassen, signalhaften Steigerungen des ersten Satzes stellte er nicht beziehungslos nebeneinander, sondern schweißte sie auch in den radikalen Entwicklungen behutsam zusammen. Das Andante entwickelte in der verhaltenen Tiefe und innigen Einfachheit etwa des Bratschengesanges religiöse Dimensionen.
Der dritte Satz zeigte sich als echtes "Scherzo", ließ die Musiker im Trio schwelgen und gegen Ende vor Freude schier explodieren. In unheimliche und dramatische Dimensionen führten die Synkopen und Dissonanzen zu Beginn des letzten Satzes, in schonungsloser Deutlichkeit herausgearbeitet. Um so beruhigender erblühte dann das Orchester in allen Farben zu einem erhellten Ende der Symphonie.
Orchester und Dirigent wurden von jubelndem Beifall belohnt, der sich noch steigerte, als Kuhn die einzelnen Orchesterriegen aufrief.



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