Nebel wabern durch die leere Fabrikhalle, eine Windmaschine setzt hauchdünne Plastikplanen in Bewegung, die sich leicht rauschend in Wellen legen. Aus dem angedeuteten Wasser ragen hilfesuchend Arme heraus. Köpfe mit vor Verzweiflung verzerrten Gesichtern befinden sich kurz vor dem endgültigen Versinken. "Der Untergang", eine Installation von Bildhauer und Maler Markus Oettl, lässt die Besucher der Ausstellung "Die Fabrik lebt" in Babensham verharren - geschockt angesichts der Dramatik des Themas und fasziniert angesichts der Figuren, die der gelernte Schreiner Oettl mit der Kettensäge aus Holzstämmen herausgearbeitet hat.

© OVB
Ein Blick in die Fabrik auf die Künstler mit ihren Werken. Foto Heck
Dieses Spannungsfeld zwischen Tragik und Schönheit gilt auch für die Fotokunst von Amelie Anke Merzbach, die mit ihren Werken nach Ausstellungen in Israel und Italien erstmals in ihrer neuen Wahlheimat Babensham zu sehen ist. Die "Bildermacherin" inszeniert ihre Portraits, bearbeitet sie am Computer so nach, dass sie auf den ersten Blick fremde, surreale Welten zeigen, die auf den zweiten Blick melancholische Geschichten über die Tiefe der menschlichen Seele erzählen.
Die erste gemeinsame Ausstellung der beiden Babenshamer Künstler in einer leerstehenden ehemaligen Kleiderfabrik lässt niemanden unberührt - sei es, weil die groben, fasrig wirkenden und doch so filigranen Holzskulpturen von Oettl in den Bann ziehen oder die morbiden Bilderwelten von Amelie Anke Merzbach Rätsel aufgeben. Gemeinsam ist den Werken die Auseinandersetzung mit dem Thema Schutz: Er geht nach der Geburt verloren, ein Leben lang strebt der Mensch nach Überzeugung der beiden Künstler jedoch nach Schutz - in den heutigen unruhigen Zeiten großer gesellschaftlicher Umwälzungen mehr denn je. Eine Figurengruppe von Oettl symbolisiert dies treffend: Zu ihr gehört ein Embryo, der im Mutterleib eines vom Feuer ausgehöhlten Stammes Geborgenheit findet, ebenso wie eine Familie, in der jedes Mitglied für sich und doch nicht allein steht. Für den Berufsfeuerwehrmann Oettl ist die Schutzbedürftigkeit der Menschen ein Thema, das ihn auch im Arbeitsalltag ständig begleitet. Mit Hilfe der Kunst gelingt es ihm, die dramatischen persönlichen Erlebnisse bei der Menschenrettung zu verarbeiten. Die Kettensäge ist seit 2008, inspiriert nach einem Besuch einer Ausstellung von Andreas Kuhnlein, sein wichtigstes Kunstwerkzeug: "Sie ermöglicht keine Perfektion, zwingt mich zur Reduktion", sagt Oettl.
Melancholisch, morbide, mystisch: Zu den surrealen Fotokompositionen und Figuren wie den Moosgeistern von Oettl gesellen sich Werke beider Künstler, die zeigen, dass sie sich trotz ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Trauer, Vereinsamung und Schutzlosigkeit auch mit einer lebensbejahenden Freude ihrer Kreativität widmen. Beide zeigen auch Gesichter der Landschaft rund um Babensham - Oettl Aquarelle, seine Kollegin Merzbach digitale Fotobearbeitungen. Jetzt, im Babenshamer Winter, finden die Künstler in der Natur vor ihrer Haustür auch vielfältig Inspirationen für ihr Grundthema, die Melancholie als Basis für ein Hineinhorchen in die menschliche Seele.



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