104.09.10|Kolbermoor|Kolbermoor|
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Nur langsam und zittrig streckt sich eine unsicher geführte Hand in Richtung des Esels aus. Das Tier kommt entgegen, ein kurzes Zurückzucken, doch das Vertrauen zwischen Mensch und Tier entwickelt sich schnell. Die Hand verliert die Scheu und beginnt zu tasten, sucht fühlend das Fell.

© OVB
Bei der tiergestützten Therapie wird Demenzpatienten durch Begegnung und Berührung mit dem Tier der Weg aus der isolierten Eigenwelt erleichtert. Foto radlhammer
Kolbermoor - An diesem Nachmittag haben sich viele der pflegenden Angehörigen mit ihren kranken Familienmitgliedern auf den Weg zu den Eselfreunden Kolbermoor gemacht. Ein Begegnungsnachmittag findet heute statt; Begegnungen von kranken Menschen mit Tieren und auch von pflegenden Angehörigen mit anderen, die dasselbe Schicksal teilen: das Schicksal mit Namen Demenz.
Gabriele Endter, Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Kolbermoor, und Sieglinde Körber von der Demenzhilfe sind sich einig, dass der Ausflug zum Pferdepensionshof Schlarbhofen ein voller Erfolg ist. "Es ist ein außergewöhnlich harmonischer Nachmittag", sagt Gabriele Endter sichtlich gerührt. "Man merkt, dass sich die Patienten hier gut aufgehoben fühlen."
Der Ausflug zu den Eseln sollte sowohl die Erkrankten als auch ihre Familienmitglieder etwas von ihrem Alltag ablenken. Tiere im Allgemeinen und auch die Berührungen mit ihnen sollen Emotionen und Erinnerungen wecken, bei der Aufarbeitung der eigenen Biografie dienen. "Das Tier begegnet dem kranken Menschen auf einer absolut wertfreien Ebene", erklärt Sieglinde Körber.
Die tiergestützte Methode ist nur eine von vielen Möglichkeiten einen Demenzkranken, zu therapieren. Jedoch wird nur in seltenen Fällen der Krankheit eine Heilung erzielt. Die meisten Formen der Demenz verlaufen chronisch und die aufgetretenen Störungen nehmen im Laufe der Krankheit zu. Die Diagnose führt in ein sich zunehmend verdunkelndes Loch ohne Erinnerung.
Die unzähligen Krankheitsbilder der Demenz sind ebenso vielschichtig wie ihre jeweiligen Ursachen. Keine Krankheit verläuft wie die andere, es ist eine Krankheit der Einzelschicksale.
Katharina L. ist betreuende Angehörige eines Betroffenen. Sie lächelt unsicher, als sie von ihrem Mann Florian und seinem Krankheitsverlauf erzählt. Vor nun fast fünf Jahren sei die Diagnose gestellt worden. "Durch kleine Auffälligkeiten hat sich die Krankheit bemerkbar gemacht. Er hat alte Freunde nicht wiedererkannt oder ist beim Autofahren deutlich zu weit in die linke Spur gefahren", erzählt sie. "Innerhalb von zwei Jahren hat er dann eine hundertprozentige Wesensveränderung durchgemacht." Katharina L.'s Mann war umgänglich und kontaktfreudig, sportlich sehr aktiv. Als sich sein Zustand verschlechterte, wurde er immer introvertierter. Mittlerweile ist Florian L. auf die Hilfestellung seiner Frau vom Frühstücksbrot bis hin zum abendlichen Zähneputzen angewiesen. "Es hat lange gebraucht, ehe ich die Krankheit überhaupt akzeptieren konnte. Man muss täglich zuschauen, kann aber einfach nichts ändern", erzählt Katharina L., die lange Zeit gegenüber dem wachsenden Druck resignierte.
Auch Sieglinde Körber, heute für die Demenzhilfe tätig, weiß viel über die harten Anforderungen zu berichten, die täglich über die betreuenden Angehörigen hereinbrechen. Auch sie hatte einen Fall der Demenz in ihrer Familie. Die betreute Person war auf Sieglinde Körber fixiert, sie selbst sah sich einem immer größer werdenden Druck gegenüber, der ihr letztlich zu viel wurde: "Ich erlitt einen Burnout. Mehr und mehr habe ich mich belastet und wollte nicht ein Stück meiner Arbeit abgeben. Das kann jedem Betreuenden passieren, der die Anzeichen seiner eigenen Überlastung nicht erkennt."
Gerade aber dort, nicht nur bei den betroffenen Patienten, sondern auch bei den pflegenden Angehörigen will die Nachbarschaftshilfe einsetzen. "Die Sorgen der Angehörigen werden bei uns direkt angesprochen", erzählt Gabriele Endter. "In diesem Moment kommt es dann nicht selten vor, dass Tränen fließen. Die Pflegenden wurden meist lange nicht nach ihren eigenen Bedürfnissen gefragt. Oft merken sie das dann erst, wenn wir sie damit konfrontieren."
Die Demenzhilfe versucht eine Entlastung zu bringen. Durch eine stundenweise Betreuung, die ins Haus zum Patienten kommt, sollen die Angehörigen Zeit für sich bekommen - ob für ein Treffen mit Freunden, eine Fahrradtour, Zeit für Arzttermine oder zum Einkaufen.
Dass die Demenzhilfe von betroffenen Familien dennoch so wenig frequentiert wird, wundert Gabriele Endter nicht: "Ein Abgeben in andere Hände ruft bei vielen unweigerlich ein schlechtes Gewissen hervor." - "Und viele haben Angst. Nicht zuletzt davor, dass ihnen Kompetenzen streitig gemacht werden", ergänzt Sieglinde Körber.
Erschwerend zu den Selbstvorwürfen und der Angst, sein Familienmitglied "abzuschieben", kommt im Umgang mit Demenz hinzu, dass geistige Erkrankungen in Deutschland immer noch als Tabuthema gehandelt werden. Sieglinde Körber spricht von einer Dunkelziffer der Erkrankten in Kolbermoor: In einer Perfektionsgesellschaft seien Defizite nicht erlaubt und würden deshalb verheimlicht, meint sie. Die Nachbarschaftshilfe hat es sich nicht zuletzt deswegen zur Aufgabe gemacht, die Schwellenangst gegenüber der Erkrankung abzubauen und das Thema Demenz an die Öffentlichkeit zu bringen. "Die Menschen sollen hier integriert werden. Demenz ist Normalität", bekräftigt Gabriele Endter.
"Man glaubt anfangs nicht, dass die Pflege so an die Substanz geht", erzählt Katharina L. Seit Ende letzten Jahres nimmt sie die Unterstützung der Nachbarschaftshilfe in Anspruch. Vieles habe sich seither verändert und dafür sei sie dankbar: "Man hat ein paar Stunden für sich ohne die ständige Angst, was ist mit meinem Mann", sagt sie.
Der Ausflug zu den Eseln war die bisher größte Unternehmung der Demenzhilfe Kolbermoor. Ist sie aber erst in das neue Bürgerhaus an der Von-Bippen-Straße umgezogen, das im Frühjahr 2011 bezugsfertig ist, sollen weitere folgen. Der Wunsch von Gabriele Endter und Sieglinde Körber: Kolbermoor soll eine demenzfreundliche Stadt werden. rr
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