411.12.09|Chiemgau
Artikel drucken|Artikel empfehlen|Schrift a / A
In Reit im Winkl ist ein Streit um zwei gut 400 Jahre alte Linden entbrannt. Sollen sie abgeholzt werden oder nicht?

© OVB
Diese zwei Linden, normalerweise Symbole für Gerechtigkeit, für Frieden und Liebe, sorgen für Zwist. Foto ost
Reit im Winkl - Erst vor gut einem Jahr konnte die "Interessengemeinschaft Kronbichler Kapelle" erfreut und stolz vermelden, dass die Sicherung dieser ältesten Kapelle des Bergdorfes gelungen sei (wir berichteten). Mit umfangreichen Sanierungsarbeiten waren damals etliche Schäden am Mauerwerk behoben worden, eine Drainage wurde verlegt, die 300 Jahre alten Fresken im Innenraum wurden von einem Kirchenmaler behutsam nachgearbeitet. Das unmittelbar an der Grenze zu Tirol gelegene Kleinod kam zudem in den Besitz der Gemeinde, nachdem die Vorbesitzerin sich außerstande sah, sich dauerhaft um das pflegebedürftige Kirchlein zu kümmern. Alles also in bester Ordnung?
Von wegen. Die Mehrheit der Interessensgemeinschaft gedachte jetzt, die beiden altehrwürdigen, wuchtigen Linden, die das kleine Kirchlein einrahmen, umschneiden zu lassen. Ein kleiner Teil dieser Anwohner lehnt dies Ansinnen allerdings strikt ab. Also wurde Bürgermeister Josef Heigenhauser in einem Brief aufgefordert, ein klärendes Wort zu sprechen. Dies tat er aber nicht und reichte den Streitfall an die Untere Denkmalschutzbehörde ins Traunsteiner Landratsamt weiter. Am Mittwoch nun inspizierte Rupert Seeholzer, der zuständige Techniker, vor Ort Bäume und Bauwerk - und kam zu einer klaren Stellungsnahme.
Pankraz Speicher, der sich zusammen mit seiner Frau als unmittelbarer Nachbar um die Pflege des Kirchleins kümmert, befürchtet, wie viele in dieser Interessensgemeinschaft, dass die Wurzeln der Linden, auf denen die Kapelle teilweise ruht, dem Bauwerk auf Dauer schaden könnten. Auch sieht er die Gefahr herabstürzender Äste bei zu erwartenden Stürmen. Risse im Mauerwerk seien schon festgestellt worden, ein kleines Fensterglas war aus seiner Einfassung gefallen. Außerdem seien diese Bäume einfach zu nah gepflanzt und könnten leicht durch neue ersetzt werden.
Wie alt diese Linden sind, weiß indes keiner so recht. Speicher zitiert aber Vermutungen von Bürgern am Ort, dass die Linden gepflanzt wurden, als das Kirchlein erbaut wurde. Dies war im Jahre 1694. Dass man dafür ausgerechnet Linden wählte, erklärt Michael Ritter, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Landesverein für Heimatpflege in München, so: "Linden stehen für Gerechtigkeit, für Frieden und für Liebe, sie sind hier ein Zeichen für die Heimat und ein Symbol für die Natur." Man habe aus ästhetischen Gründen früher oft bewusst zwei Linden gewählt, aber auch deshalb, damit die Bäume der Kapelle Schutz geben.
Was aber ist, wenn dieser vermeintliche Schutz eher zur Bedrohung werden könnte? Davon könne keine Rede sein, stellte beim Ortstermin Rupert Seeholzer nach eingehender Prüfung fest. Schäden könne er kaum ausmachen, ein Umschneiden der Bäume ist nach seiner Einschätzung in keinster Weise angebracht. Hier müsse man zudem das Gesamtbild sehen: Kapelle mit Linden. Außerdem sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass beim Entfernen der Wurzelstöcke die Kapelle wirklich in Gefahr sei. Allerdings müsse der weitere Fortgang genau beobachtet werden, denn: "Eine hundertprozentige Sicherheit kann niemand geben."
Trotz der eindeutigen Worte wollte Seeholzer aber darauf verweisen, dass diese Angelegenheit nach München zur Oberen Denkmalschutzbehörde weitergereicht werde. Bis zu einer endgültigen Einschätzung könne es aber dauern. Einstweilen werden die beiden stattlichen, fast zwillingsgleich anmutenden Lindenbäume wohl stehen bleiben, vielleicht auch, um Frieden zu stiften?
Bestimmen Sie auf der Karte die Region, aus der Sie Nachrichten angezeigt bekommen möchten.